Dunkle Flammen der Leidenschaft - Roman

von: Jeaniene Frost

Penhaligon, 2013

ISBN: 9783641086961 , 384 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 9,99 EUR

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Dunkle Flammen der Leidenschaft - Roman


 

1

Ich parkte mein Rad vor dem Lokal und wischte mir den Schweiß von der Oberlippe. Es war untypisch warm diesen Januar, aber den Winter über in Florida zu schwitzen war besser, als im Norden zu frieren. Ich drehte mein Haar zu einem Knoten, und mein Nacken wurde sofort kühler, als die lange schwarze Mähne nicht mehr darüberfiel. Noch einmal fuhr ich mir über die Stirn, bevor ich das Lokal betrat und an den Tischen vorbei auf die an der Bar sitzenden Gäste zustrebte.

Schon auf den ersten Blick sah ich, dass die meisten durchschnittlich groß waren, ein paar besonders hoch Aufgeschossene nicht eingeschlossen. Mist. Wenn Marty nicht hier war, musste ich zu seiner zweitliebsten Kneipe radeln, und es sah nach Regen aus. Ich ging zwischen den Tischen hindurch, die rechte Hand an den Schenkel gepresst, damit ich nur ja niemanden berührte. Sonst hätte ich den unförmigen Elektrikerhandschuh tragen müssen, der mir stets Fragen von neugierigen Fremden einbrachte. An der Bar schenkte ich dem gepiercten, tätowierten Mann, der zur Seite gerückt war, sodass ich Platz an der Theke fand, ein Lächeln.

»Hast du Marty gesehen?«, fragte ich ihn.

Dean schüttelte den Kopf, dass die Ketten klimperten, die von seinen Nasenflügeln bis zu den Ohren reichten. »Bisher nicht, aber ich bin auch gerade erst gekommen.«

»Raquel?«, rief ich. Die Barkeeperin drehte sich um, sodass ich ihr hübsches, aber bärtiges Gesicht sehen konnte, das die Touristen verstohlen oder offen angafften.

»Das Übliche, Frankie?«, fragte sie und griff nach einem Weinglas.

Eigentlich hieß ich nicht Frankie, das war nur mein Künstlername. »Heute nicht. Ich bin auf der Suche nach Marty.«

»War noch nicht hier«, antwortete sie.

Raquel fragte nicht, warum ich persönlich vorbeigekommen war, statt telefonisch nachzufragen. Alle in Gibsonton überwinternden Schausteller taten, als wüssten sie nichts von meinen Besonderheiten, doch außer Marty versuchte niemand mich anzufassen, und es machte sich auch niemand erbötig, mich im Auto mitzunehmen, wenn er mich auf dem Fahrrad sah, egal wie das Wetter war.

Ich seufzte. »Wenn er kommt, sagst du ihm, dass ich ihn suche, ja?« Wir hätten vor zwei Stunden schon mit dem Training anfangen sollen. Außerhalb der Saison verwandelte sich mein sonst so disziplinierter Partner Marty in eine ziemliche Schnarchnase. Fand ich ihn nicht bald, würde man nicht mehr vernünftig mit ihm reden können. Er würde die ganze Nacht saufen und Geschichten von früher erzählen, als das Schaustellerleben noch eitel Sonnenschein gewesen war.

Raquel lächelte, sodass man ihre hübschen weißen Zähne sehen konnte, die in krassem Kontrast zu dem dunklen, kratzigen Bart standen. »Klar doch.«

Ich wollte mich bereits wieder auf den Weg machen, als Dean mit der Gabel an sein Bierglas tippte, um meine Aufmerksamkeit zu erregen. »Soll ich im Tropicana anrufen und fragen, ob Marty da ist?«

Seine Vermutung, wohin ich als Nächstes wollte, war richtig, aber schließlich kannte er Marty schon länger als ich.

»Es sind bloß anderthalb Kilometer, und ich muss meine Beine trainieren.«

»Für mich sehen die ganz okay aus«, meinte Dean heiser und warf einen langen Blick auf die fraglichen Körperteile, bevor er auch noch den Rest von mir musterte. Wegen der Hitze trug ich nur Shorts und ein Tanktop, sodass er ziemlich ungehinderte Sicht hatte. Schließlich schüttelte er den Kopf, als wollte er sich in Erinnerung rufen, warum es keine gute Idee war, mich abzuchecken. »Bis dann, Frankie«, meinte er in energischerem Tonfall.

Ich verspürte ein Engegefühl in der Brust, das mir ebenso vertraut wie lästig war. Ja, Dean wusste, warum es zwecklos war, von meinen Beinen – oder irgendeinem anderen Teil meines Körpers – zu träumen, und ich hatte mich schon vor langer Zeit damit abgefunden, dass es Dinge gab, die ich nie würde erleben können. Aber dann wurde ich doch schwach und ertappte mich dabei, wie ich ein Pärchen an einem der Tische betrachtete. Die beiden hatten die Finger verschränkt und flüsterten miteinander. Sie schienen sich dieser alltäglichen Geste kaum bewusst zu sein, doch meine Aufmerksamkeit erregte sie, als würde ein Scheinwerfer ihre Hände ausleuchten, bis das Engegefühl fast zu einem Brennen wurde.

Das Pärchen, das anscheinend gemerkt hatte, dass ich es beobachtete, warf mir einen Blick zu, der aber schnell wieder an mir vorbeiwanderte. Entweder hatten die beiden die Narbe nicht bemerkt, die von meiner Schläfe bis zu meiner rechten Hand reichte, oder sie interessierten sich mehr für Deans körperdeckende Eidechsen-Schuppen-Tätowierung, Raquels Bart, J. D.s Körpergröße von zwei Meter vierzig oder Katies fünfunddreißig Zentimeter schmale Taille, die im Kontrast zu ihren ausladenden Hüften und dem Doppel-D-Körbchen umso zerbrechlicher wirkte. Es war auch noch früh. Die Stammgäste des Showtown USA trudelten meist erst nach neun ein.

Das Pärchen begaffte weiter ungeniert das Grüppchen an der Bar, und der Ärger, den ich darüber empfand, dass meine Freunde es sich gefallen lassen mussten, so angestarrt zu werden, ließ die Melancholie verfliegen, die mich kurz überkommen hatte. Manch einen Touristen verschlug es nach Gibsonton, weil er die Überbleibsel des Zirkuslebens bestaunen wollte, die in vielen Straßen noch zu sehen waren, andere wollten die Tanzbären, Elefanten oder anderen exotischen Tiere sehen, die der eine oder andere sich im Vorgarten hielt, die meisten aber kamen, um die »Freaks« zu begaffen. Die Anwohner waren immun dagegen oder zeigten ihre Besonderheiten für ein Trinkgeld, ich aber konnte mir meine Verärgerung über dieses anstößige Benehmen noch immer nicht verkneifen. Andersartigkeit machte einen schließlich nicht zum Untermenschen, und doch wurden viele der Einwohner Gibsontons von den Passanten genau so behandelt.

Aber es stand mir nicht zu, die Touristen für ihr mangelndes Feingefühl zu kritisieren, ganz zu schweigen davon, dass Raquel es alles andere als gern gesehen hätte, wenn ich ihre Gäste herunterputzte. Also presste ich die Lippen zusammen und strebte auf die Tür zu, überrascht, als sie genau in dem Moment aufschwang, in dem ich die Klinke ergreifen wollte. Ich machte einen Satz rückwärts und schaffte es so gerade noch, nicht von einem Mann überrannt zu werden, der hereinstolzierte, als gehörte das Lokal ihm, konnte aber trotzdem nicht vermeiden, dass seine Hand meinen Arm streifte.

»Autsch!«, rief er und warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu. »Was sollte das denn?«

Er wusste es nicht, aber er hatte Glück gehabt. Hätte ich nicht gelernt, etwas von dem Strom, der in mir floss, zu zügeln, und wenn ich nicht einen Großteil erst eine Stunde zuvor in Blitzableiter entladen hätte, wäre es ihm viel schlechter ergangen.

»Statische Elektrizität«, log ich. »Ist schlimm hier in der Gegend.«

Der Gesichtsausdruck des Mannes sagte mir, dass er mir nicht glaubte, aber meine Hände waren leer, und mein Outfit verbarg auch kaum etwas. Er funkelte mich noch einmal an und drehte mir dann den Rücken zu.

»Welche Ausfahrt muss ich nach Tampa nehmen?«, rief er in die Runde. »Mein scheiß Navi funktioniert hier nicht.«

Das war in der Gegend nicht weiter ungewöhnlich, und ich hätte ihm Auskunft geben können, schwieg aber, weil ich nicht noch einmal riskieren wollte, ihn unabsichtlich zu berühren, wenn ich mit ihm sprach.

Ich war gerade dabei, die Kneipe zu verlassen, als eine gehetzt wirkende Blondine geradewegs in mich hineinrannte. Sie stieß einen leisen Aufschrei aus, und aus purem Frust hätte ich am liebsten mitgeschrien. Jetzt hatte ich monatelang jeden Körperkontakt verhindern können, um heute binnen fünf Minuten gleich zwei Leuten einen Schlag zu verpassen. Wenigstens hatte der ungehobelte Typ schon einiges abbekommen, sodass die Frau den Schlag, den ich ihr verpasst hatte, wirklich für statische Elektrizität halten konnte.

»Verzeihung«, sagte ich und wich sofort zurück.

»Meine Schuld«, lachte sie und tätschelte mir begütigend den Arm. »Ich habe nicht aufgepasst …«

Was sie dann sagte, hörte ich nicht mehr. Bilder schossen mir durch den Kopf, schwarz-weiß, grau.

Ich war mit meinem Liebhaber im Bett, unser Keuchen das einzige Geräusch im Raum. Hinterher flüsterte ich ihm zu, dass ich meinem Mann am nächsten Wochenende sagen würde, dass ich ihn verlasse.

Das war es allerdings nicht, was mich zusammenfahren ließ. Die Bilder, die dann meinen Geist erfüllten, waren es, in Farbe diesmal, aber undeutlich, wie durch Nebel betrachtet.

Ich war in einem dichten Sumpfgebiet und starrte voller Entsetzen meinen Mann an, der meine Kehle umklammerte. Schmerz explodierte in meinem Hals, sodass ich alles nur noch verschwommen sah, während ich vergeblich an seinen behandschuhten Händen kratzte und zog, um sie zu lösen. Er drückte fester zu, während er mir sagte, dass er von meiner Affäre erfahren hätte und wie er meine Leiche verschwinden lassen würde. Der Schmerz wurde immer stärker, bis mein ganzer Körper brannte. Dann hörte er zum Glück auf, und ich hatte das Gefühl davonzuschweben. Mein Mörder rührte sich nicht, mit den Händen noch immer meine Kehle umklammernd, nicht wissend, dass ich von oben auf ihn heruntersah. Irgendwann ließ er los. Er ging zu dem geparkten Wagen, öffnete den Kofferraum und nahm ein paar Gegenstände heraus, während er sich überlegte, von welchem er zuerst Gebrauch machen sollte …

»Frankie!«

Ich blinzelte und...