Toskanisches Feuer - Kriminalroman

von: Uta-Maria Heim

Gmeiner-Verlag, 2018

ISBN: 9783839258583 , 315 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 4,99 EUR

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Toskanisches Feuer - Kriminalroman


 

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Es war einer der wenigen Morgen im Jahr, an denen es nicht nach Müll, Smog und Asthmaspray roch. Die Stadt kam zu sich selbst. Florenz lag verlassen im Dämmer, der sich hob. Während die Straßenlaternen sich ausknipsten, der noch halb pralle Mond eher Schiff als Sichel, entflammte am Himmel die Morgenröte. Zu Fuß ging Giulia von ihrem Appartamento zur Agentur. Als sie auf dem mittelalterlichen Ponte Vecchio, vorbei an den geschlossenen Geschäften, mutterseelenallein den Arno überquerte, spürte sie ein seltenes Hochgefühl. Sie ließ die Brücke hinter sich und tauchte ein in die Welt der Kirchen und Palazzi. Gottvoller Kitsch der Renaissance.

Giulia wurde die Schönheit der Kulisse, in der sie sich bewegte, nur noch selten bewusst. Darin glich sie den echten Florentinerinnen, die ihre Dreckschleudern dem echten David vorzogen, der in der luftgefilterten Galleria dell’Acca­demia vor sich hin schmorte, während draußen, auf der prächtigen, nach Taubenkot stinkenden Piazza della Signoria, eine fünf Meter hohe abwaschbare Kopie thronte. Im Gehen checkte Giulia ihr Telefonino und lief an ein paar geparkten Motorinos vorbei in die Fußgängerzone. In einem Spiegel zwischen Eingang und Schaufenster einer Boutique erhaschte sie flüchtig ein Bild von sich. Für eine Frau in den besten Jahren sah sie noch gut aus: Naturblond, drahtig, sportlich. Aber die Bräune des Sommers verflog, die Haare wurden weiß und die Augenringe jeden Morgen tiefer. Giulia schminkte sich selten und mochte auch sonst nicht viel nachhelfen. Gegen nichts war man machtloser als gegen die Vergänglichkeit. Sie versuchte, den einsamen Moment zu genießen. An diesem Sonntag Ende September ging die Nachsaison definitiv zu Ende. In der Morgendämmerung war noch kein Mensch unterwegs. Die Läden waren geschlossen, das Pflaster nass. Ein kalter Wind strich durch die Gasse.

Giulias Büro lag zentral in der Via Porta Rossa zwischen Via Calzaiuoli und Via Tornabuoni, auf halbem Weg zwischen Arno und Dom. Eine bessere Lage gab es in Florenz kaum, es war eine der Hauptgeschäftsstraßen, und sie hatte ihren Preis. Zwischen einem Lederwarenladen und einer Pizzeria betrieb Giulia eine Tourismusagentur, die Agenzia Azzurro Vacanze Verde, die Ferienwohnungen vermittelte, Toskana-Aufenthalte organisierte, Touristen bespaßte, Seminare bestritt. Ein paar Jahre lang hatte sie nebenher für Carlo Scarivari, einen Immobilienmakler, gearbeitet, mit dem sie offiziell noch immer das Erdgeschoss-Büro teilte. Seitdem er vor über einem Jahr spurlos verschwunden war, zahlte sie seine Miete und erledigte seinen Job. Beides ging weit über ihre Verhältnisse, zumal eine Dessous-Kette ein Auge auf das ehemalige Ladenlokal geworfen hatte und der Vermieter versuchte, sie zu erpressen. Dass sie noch ein Ristorante weiter südlich am Tyrrhenischen Meer zu führen hatte, das »Da Roberto« in Marina di Santo Stefano, machte ihr zusätzlich Sorgen, weil es in den Wintermonaten kaum etwas einbrachte und sie investieren musste. Das Dach war nicht mehr dicht, die Elektrik schadhaft und der Gasherd in der Küche dringend erneuerungsbedürftig. Ebenso das Mobiliar, das durch die Sonne, das Salz und den Sand gelitten hatte. Außerdem mussten die Böden neu gefliest und die Wände frisch verputzt werden. Streichen konnte sie zur Not selbst.

Sie hatte alles, was sie besaß, in ihre Kinder investiert. Ihren Grips, ihre Kraft, ihr Vermögen. Fast alle Liebe, die sie hatte. Es hatte kaum etwas genutzt. Über Jahre hatte sie verdrängt, dass es keinen Wert hatte. Hatte einfach in den Tag hinein gelebt, manchmal monatelang, bis zum vorigen Sommer. Zusammen mit Roberto. Natürlich war das nicht gutgegangen. Roberto war allem Anschein nach ums Leben gekommen. Danach stand sie allein da. Und die Erkenntnis, wie haltlos ihr Leben von jeher war, holte sie ein. Sie war sich dessen bewusst, dass sie völlig entwurzelt war.

An den Mann, der sie einst nach Italien gelockt und den sie dann geheiratet hatte, mochte sie sich einfach nicht erinnern. Das war vermintes Gebiet. Wegen ihm hatte sie alles aufgegeben, ihr Studium, ihren Berufswunsch, ihr Zuhause, ihre Heimat. Sämtliches, was damit zu tun hatte, war quasi von ihr abgeschnitten. Giulia hatte beschlossen, dass sie keine Vergangenheit hatte, keine eigene Geschichte. Es war die einzige Möglichkeit, die sie sah, mit den Verlusten umzugehen. Der Mann, der daran schuld war, hatte nie existiert. Dann gab es aber die beiden Söhne, die irgendwann bei ihm aufgewachsen waren, weil er es so wollte und sie sich angeblich dafür entschieden hatten. Diego und Simone. Beide waren inzwischen über 20, sie waren drogenfrei und gesund und studierten irgendwas mit Wirtschaft. Mit Diego in Mailand hatte sie zuletzt an Weihnachten telefoniert, als er ihr abgesagt hatte. Danach hatte es nur noch SMS und wenige Mails gegeben. Simone, der Kleinere, klagte, sie klammere. Dabei aßen sie allenfalls mal eine Pizza zusammen. Obwohl Simone in Florenz geblieben war, sahen sie sich selten. Diego und Simone waren für Giulia nicht mehr erreichbar. Der einzige regelmäßige Kontakt, den sie aufrechterhielten, lief über ihre Bankverbindung. Ihren Söhnen war das vermutlich nicht bewusst.

Mit Mitte 50 musste Giulia einsehen, dass ihr Leben endlich war. Dass sie sich selbst etwas aufbauen sollte, was sie reizte. Es fiel ihr schwer, sich vorzustellen, was das sein konnte. Dabei pflegte sie einige Frauenfreundschaften, mit Camilla in Porto Santo Stefano, mit Gwendolyn und Ludovica in Florenz. Sogar in Stuttgart hatte sie noch eine Schulfreundin, Käthe, die ihr nach jahrelanger Pause mehrere lange Mails geschickt und sie eingeladen hatte, sich in einem sozialen Netzwerk zu treffen. Daran wollte Giulia allerdings nicht teilnehmen, die Mails hatte sie nur schleppend beantwortet, und so hatte sich das Aufleben ihrer alten Beziehung wieder verflüchtigt. Obwohl ihr Käthe immer noch am Herzen lag, besaß sie nicht die Kraft, sich alten Kontakten dauerhaft zuzuwenden. Dabei fühlte sie sich instabil und einsam. Aber niemand sah ihre Not, auch die Freundinnen nicht. Giulia wollte nicht jammern. Und scheinbar hatte sie alles, worauf es im Leben ankam. Abgesehen von einem Partner. Aber nach dem rätselhaften Tod von Roberto war es wohl besser, eine Weile allein zu bleiben. Darin waren sich alle einig. Niemand erwartete von ihr, dass sie sich einen neuen Mann angelte, auch wenn sie mit Roberto gar nicht verheiratet gewesen war. Für die Freundinnen machte das schon einen Unterschied. Dennoch, man musste den Dingen ihren Lauf lassen. Alles hat seine Zeit, dachte auch Giulia. Dabei fehlte ihr etwas Elementares. Es war nicht das dauernde Geldproblem, das sie drückte, zumal sie ja neben Wohnung und Büro in Florenz auch noch Ristorante und Häuslein in Marina finanzieren musste. Es war die Frage nach dem Sinn.

Giulia entriegelte die drei Schlösser an der Eingangstür ihres Ladenbüros und sah auf die Uhr. Sie war stehengeblieben. Als sie mit Fischer telefoniert hatte, war ihr nicht bewusst gewesen, wie früh es noch war. Sie hatte nicht da­rauf geachtet, weil sie sich daran gewöhnt hatte, dass sie zeitig gegen Morgen aufstand. Oft war sie schon vor sechs in der Agentur und hatte um neun oder um zehn, wenn um sie herum die Läden aufmachten, alles, was unmittelbar anfiel, erledigt. Eigentlich komisch, dass der Pfarrer schon unterwegs gewesen war. Offenbar schlief er auch schlecht. Es passte ihr überhaupt nicht in den Kram, dass sie letztlich nur wegen ihm nach Süddeutschland fahren musste. Wobei sie es einrichten konnte, weil es jetzt ruhiger wurde. Sie würde ihm verschweigen, dass sie extra zu ihm kam, lügen, eine Geschichte erfinden. Aber irgendwie freute sie sich doch darauf, Justus und seine Familie wiederzusehen. Und es war die einzige Lösung für die Schwierigkeiten, in die sie geraten war. Sie schloss von innen die Tür und machte Licht.

»Aufstehen!«, rief sie ins Hinterzimmer des Büros, das nur durch einen Kordelvorhang abgetrennt war. Sie stellte ihre Tasche auf den Schreibtisch, ging zur Espressomaschine und drückte die Start-Taste. »Du kannst dich am Waschbecken frisch machen. Du hast doch noch genug neue Sachen? Wir fahren in einer halben Stunde.«

Aus dem Hinterzimmer drang verhalten entfernter Straßenlärm. Giulia spähte hinein. Der Schlafsack auf dem Sofa war umgestülpt. Das Fenster stand einen Spalt offen. Es zog ein wenig. Tamir war also abgehauen. Na gut, ihr konnte es recht sein.

Vor zwei Abenden war er bei ihr aufgekreuzt. Ein junger Mann, Anfang, Mitte 20 vielleicht, also etwa so alt wie ihre Söhne, ein Kind fast. Plötzlich hatte er in ihrem Büro gestanden, als sie eben ihren Laptop herunterfahren und schließen wollte. Zunächst hatte sie ihn nicht weiter beachtet. Er sah aus wie die Jungen, die bettelten; nicht allzu lang, zierlich, alles an ihm schlackerte. Ein schmales, zartes Gesicht. Etwas verkniffene Mundwinkel. Augen, die glühten wie Kohle. Er hatte den fordernden Blick eines Gestrandeten, der nichts mehr zu verlieren hatte. Giulia kannte das. Meistens ging es gut aus. Aber manchmal wurde man von diesen Leuten auch bedrängt. Es waren Roma, Obdachlose und Flüchtende. Sie kamen herein und verlangten nach Bargeld. Dabei waren sie nicht offen aggressiv. Sie fuchtelten nicht mit dem Messer. Oftmals half es, wenn man sie ein paar Minuten warten ließ. Das deeskalierte. Dabei verpuffte die Spannung. Die Blicke der Buben, die unter Strom das Geschäft gestürmt hatten, wurden weich, ihre Augen schwarz vor Scham. Giulia spürte stets Ratlosigkeit und Trauer, wenn sie dann schließlich fünf oder zehn Euro hergab oder auch mal zwanzig. Mehr gab sie nie. Es hatte eh keinen Wert. So konnte man die Not, die man nicht kannte und die kein wirkliches Gesicht hatte, nicht...