The Woman in the Window - Was hat sie wirklich gesehen? - Der Spannungsbestseller des Jahres!

von: A. J. Finn

Blanvalet, 2018

ISBN: 9783641220952 , 544 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 11,99 EUR

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The Woman in the Window - Was hat sie wirklich gesehen? - Der Spannungsbestseller des Jahres!


 

Sechs

Heute erst meine Französisch-Leçon, dann abends Les Diaboliques. Der Ehemann eine miese Ratte, seine Gemahlin sein »kleiner Ruin«, eine Geliebte, ein Mord, ein verschwundener Leichnam. Ist ein verschwundener Leichnam überhaupt zu schlagen?

Doch erst ruft die Pflicht. Ich schlucke meine Pillen, parke mich an meinem Desktop, schubse die Maus zur Seite, tippe das Passwort. Und logge mich in die AGORA ein.

Zu jeder beliebigen Stunde, und zwar Tag und Nacht, sind mindestens ein paar Dutzend User online, ein Sternbild, das die ganze Welt umspannt. Einige davon kenne ich namentlich: Talia aus der Bay Area; Phil aus Boston; eine Anwältin aus Manchester mit dem gar nicht anwaltsmäßigen Namen Mitzi; Pedro, ein Bolivianer, dessen Englischbrocken wahrscheinlich auch nicht schlimmer sind als mein Pidgin-Französisch. Andere verwenden Spitznamen, mich eingeschlossen – in einem pfiffigen Moment entschied ich mich für Annagoraphobe, doch dann outete ich mich gegenüber einer anderen Userin als Psychologin, und das sprach sich in Windeseile herum. Darum heiße ich mittlerweile thedoctorisin. Sie hat jetzt Sprechstunde.

Agoraphobie: wörtlich übersetzt die Furcht vor dem Marktplatz, tatsächlich der Oberbegriff für ein ganzes Spektrum von Angststörungen. Erstmals dokumentiert Ende des 19. Jahrhunderts, ein Jahrhundert später »kodifiziert als eigenständige diagnostische Einheit«, obwohl sie Komorbiditäten mit einer Panikstörung aufweist. Wer mag, kann all das in der fünften Ausgabe der Diagnostischen Kriterien nachlesen, die gemäß der englischen Vorgabe abgekürzt unter DSM-5 firmiert. Der Titel hat mich immer amüsiert; er hört sich an wie eine Filmreihe. Hat Ihnen Psychische Störungen 4 gefallen? Dann werden Sie die Fortsetzung lieben!

Die medizinische Literatur ist ungewöhnlich fantasievoll, wenn es um die Diagnose geht. »Agoraphobische Ängste … manifestieren sich unter anderem beim unbegleiteten Aufenthalt außerhalb des Hauses; im Gedränge oder beim Schlangestehen; auf Brücken.« Was würde ich nicht darum geben, auf einer Brücke zu stehen. Verflucht, was würde ich nicht dafür geben, Schlange zu stehen. Auch das hier gefällt mir: »Im Theater auf einem Mittelplatz zu sitzen.« Einem Mittelplatz, bitte sehr!

Viele von uns – die am schwersten Betroffenen, also jene mit einer posttraumatischen Belastungsstörung – sind ans Haus gefesselt, müssen sich vor der chaotischen, überfüllten Welt da draußen verstecken. Manche fürchten die wogenden Menschenmassen; andere das Tosen des Verkehrs. Bei mir sind es die weiten Himmel, der endlose Horizont, das bloße Exponiertsein, die erdrückende Last, sich im Freien zu befinden. »Offene Räume«, bezeichnet es das DSM-5 vage und beeilt sich dann, zu seinen 186 Fußnoten zu kommen.

Als Psychologin würde ich sagen, dass der Leidende eine Umgebung sucht, die er kontrollieren kann. Das ist die klinische Auffassung. Als Leidende (und das ist wirklich die Bezeichnung) sage ich, dass die Agoraphobie mein Leben nicht so sehr eingeschränkt hat, als dass sie zu meinem Leben geworden ist.

Der AGORA-Willkommensscreen begrüßt mich. Ich überfliege die Foren, durchkämme die Threads. SEIT 3 MONATEN IM HAUS GEFANGEN. Ich weiß, wie das ist, Kala88; hier sind es fast zehn Monate, ohne Aussicht auf Besserung. AGORA STIMMUNGSABHÄNGIG? Klingt eher nach sozialer Phobie, EarlyRiser. Oder einer gestörten Schilddrüse. FINDE NOCH IMMER KEINEN JOB. Ach, Megan – ich weiß, und du tust mir leid. Dank Ed brauche ich keinen, aber mir fehlen meine Patienten. Ich sorge mich um meine Patienten.

Eine Neue hat mich angeschrieben. Ich verweise sie an das Überlebenshandbuch, das ich im Frühjahr quasi aus dem Handgelenk verfasst habe: »Dann hast du eben eine Angststörung« – ich finde, der Titel klingt angenehm launig.

Frage: Wie bekomme ich was zu essen?

Antwort: Blue Apron, Plated, HelloFresh … in den USA gibt es unzählige Lieferdienste! Im Ausland sind wahrscheinlich ähnliche Anbieter zu finden.

Frage: Wie komme ich an meine Medikamente?

Antwort: Alle größeren Apothekenketten in den USA liefern inzwischen an die Haustür. Falls es Probleme gibt, soll sich dein Arzt an die Apotheke wenden.

Frage: Wie halte ich das Haus sauber?

Antwort: Putz es! Bezahl jemanden dafür oder mach es selbst (ich tue weder das eine noch das andere. Meine Wohnung könnte einen Großputz vertragen).

Frage: Was ist mit dem Müll?

Antwort: Den können die Putzleute rausbringen, oder du bittest einen Freund oder eine Freundin um Hilfe.

Frage: Was unternehme ich gegen die Langeweile?

Antwort: Nun, das ist eine schwere Frage …

Et cetera. Insgesamt bin ich recht zufrieden mit dem Dokument. Hätte es zu gern selbst gehabt.

Jetzt erscheint ein Chatfenster auf meinem Bildschirm.

Sally4th: hallo doc!

Ich spüre, wie ein Lächeln an meinen Lippen zupft. Sally: sechsundzwanzig, in Perth beheimatet, wurde am Ostersonntag dieses Jahres missbraucht. Sie erlitt einen Armbruch und schwere Quetschungen an den Augen und im Gesicht; ihr Vergewaltiger wurde nie identifiziert oder gefasst. Sally verbrachte vier Monate in den eigenen vier Wänden, komplett abgeschnitten in der abgelegensten Stadt der Welt, geht aber seit gut zehn Wochen wieder aus dem Haus – Mörderleistung, wie sie selbst sagen würde. Psychologische Betreuung, Aversionstherapie und Propranolol. Nichts geht über Betablocker.

thedoctorisin: Selbst hallo! Alles okay?

Sally4th: alles ok! picknick heute vormittag!!

Sie hat immer gern Ausrufezeichen verwendet, selbst als sie noch in den Tiefen ihrer Depression feststeckte.

thedoctorisin: Und wie war’s?

Sally4th: hab überlebt!

Und sie mag Emojis.

thedoctorisin: Du bist eine Überlebenskünstlerin! Wie läuft’s mit dem Inderal?

Sally4th: gut, bin auf 80mg runter

thedoctorisin: 2x am Tag?

Sally4th: 1x!!

thedoctorisin: Minimaldosis! Fantastisch! Nebenwirkungen?

Sally4th: trockene augen, sonst nichts

Damit kann sie sich glücklich schätzen. Ich nehme ein ähnliches Medikament (neben vielen anderen), und ab und zu sprengen mir die Kopfschmerzen den Schädel. PROPRANOLOL KANN ZU MIGRÄNE, HERZARRYTHMIEN, ATEMNOT, DEPRESSION, HALLUZINATIONEN, SCHWEREN HAUTREAKTIONEN, ÜBELKEIT, DIARRHÖ, ABNEHMENDER LIBIDO, SCHLAFLOSIGKEIT UND BENOMMENHEIT FÜHREN. »Diese Medizin braucht entschieden mehr Nebenwirkungen«, sagte Ed zu mir.

»Spontane Verbrennungen«, schlug ich vor.

»Höllenscheißerei.«

»Ein langsamer, qualvoller Tod.«

thedoctorisin: Irgendwelche Rückfälle?

Sally4th: letzte woche ein leichtes flattern

Sally4th: habs aber überstanden

Sally4th: atemübungen

thedoctorisin: Die gute alte Papiertüte.

Sally4th: komm mir saudämlich dabei vor aber es funzt

thedoctorisin: Das tut es wirklich. Gut gemacht.

Sally4th: thanx

Ich trinke einen Schluck Wein. Das nächste Chatfenster poppt auf: Andrew, ein Mann, den ich in einem Forum für Filmklassiker-Enthusiasten kennengelernt habe.

Graham-Greene-Serie @Angelika dieses WE?

Ich zögere. Kleines Herz in Not ist mein Lieblingsfilm – der zum Unglück verdammte Butler; der schicksalhafte Papierflieger –, und Ministerium der Angst habe ich das letzte Mal vor fünfzehn Jahren gesehen. Und natürlich haben alte Filme mich und Ed zusammengebracht.

Aber ich habe Andrew meine Situation noch nicht erklärt. Kann nicht trifft es ziemlich genau.

Ich kehre zu Sally zurück.

thedoctorisin: Gehst du weiter zur Therapie?

Sally4th: klar thanx. aber nur noch 1x die woche. sie sagt ich mach mich super

Sally4th: der schlüssel ist pillen und poofen

thedoctorisin: Schläfst du gut?

Sally4th: hab immer noch albträume

Sally4th: du?

thedoctorisin: Ich schlafe ständig.

Wahrscheinlich zu viel. Ich sollte mit Dr. Fielding darüber sprechen. Weiß aber noch nicht, ob ich es tun werde.

Sally4th: und wie gehts bei dir voran? fit für den großen kampf?

thedoctorisin: Ich bin nicht so schnell wie du! PTBS ist richtig fies. Aber ich bin zäh.

Sally4th: bist du!

Sally4th: wollte hier nur kurz nach meinen freunden schauen – ich denk an euch!!!

Ich verabschiede mich von Sally, weil sich in diesem Moment mein Tutor auf Skype einwählt. »Bon jour, Yves«, murmle ich vor mich hin. Ich begreife, dass ich...