Das Seil - Roman

von: Stefan aus dem Siepen

dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, 2014

ISBN: 9783423413572 , 180 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 3,99 EUR

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Das Seil - Roman


 

7

Immer vorwärts!


Die Männer marschierten mit zügigem Schritt, einer hinter dem anderen in locker gefügter Kolonne. Der Wald begann bald lichter zu werden, die Tannen, die um das Dorf herum wuchsen, verloren sich und machten Buchen Platz, deren Stämme wie mattsilbrige Säulen in die Höhe stiegen. Ein leichter Wind ging, der sich rasch erwärmte, gleißendes Licht schoss durch die Kronen herab und sprenkelte den Boden mit tanzenden Flecken. Rauk machte seine Hunde los, und wie geschüttelt von Kräften sprengten sie durch die Weite, ließen ihre Zungen aus den Mäulern wehen wie rote Wimpel, sprangen einander in vollem Lauf, immer in Gefahr gegen Bäume zu prallen, über die Rücken und Hälse …

Die Bauern waren glücklich. Immer wieder schauten sie nach vorn ins dunkelhelle Dickicht, konnten nicht genug bekommen vom Anblick des Seils, das mal deutlich sichtbar in der Sonne schimmerte, mal zwischen den mürben Brauntönen des Laubes verschwand. Sein Ende war nirgends zu sehen, weiter und weiter lief es dahin, zog sich wie ein unheimlicher Faden durch das Labyrinth der Säulen. Je länger die Männer gingen, desto stärker wurde die Wirkung, welche das Seil auf sie übte, jeder war von dem starken und das Herz pochen machenden Gefühl durchdrungen, etwas zu erleben, das in der Geschichte des Dorfes niemals da gewesen war und über alles Verstehbare hinausschoss.

Am frühen Mittag legten die Männer eine Rast ein. Sie streckten sich ins Laub, zogen ihren Proviant aus den Taschen, spritzten sich Wasser oder Bier aus den ledernen Schläuchen in die Münder. Im Laufe des Morgens hatte sich eine trockene Wärme im Wald verbreitet, von der gestrigen Frische, den seltsamen Wolkenschlieren am Himmel, war keine Spur mehr. Alle schauten schwitzend und dösend durch das Blätterdach in die Bläue hinein, neben ihnen lag das Seil im Laub, als gehöre es zur Gruppe und halte gemeinsam mit ihr Rast.

Nach einer Weile stand Bernhardt auf, stellte sich zwischen die Männer und sagte mit einer leichten Verlegenheit, wie jemand, der etwas Wichtiges auf dem Herzen hat und zugleich zu bescheiden ist, Aufhebens um sich selbst zu machen:

– Nun, Männer; wir sind jetzt schon einen halben Tag unterwegs. Es wird Zeit, ans Umkehren zu denken, oder nicht?

Kaum jemand rührte sich, fast alle waren mit ihren schläfrigen Gedanken zu weit entfernt. Michael saß an einen Baum gelehnt und verzehrte eine lange Räucherwurst; er warf Bernhardt einen unmutigen Blick zu, als fühle er sich beim Essen gestört. Rauk war beschäftigt, dem sabbernden Hetzer, der mit weit gespreizten Beinen vor ihm stand, Fleischbrocken in den aufgerissenen Schlund zu werfen, und schien nichts gehört zu haben.

– Wir sind nun schon lange genug gewandert, sagte Bernhardt in das Schweigen, meint ihr nicht auch? Lasst uns umkehren, sonst werden wir nicht mehr rechtzeitig im Dorf ankommen.

Die Männer wechselten verstohlene und unbehagliche Blicke. Jemand murmelte etwas nicht zu Verstehendes, das am ehesten ein Fluch war, einige widmeten sich mit herausgekehrter Eindringlichkeit ihrem Proviant. Offenkundig war niemand aufgelegt, sich schon jetzt auf den Rückweg zu machen, alle fühlten sich noch voller Kräfte, die Lust am Abenteuer, am ganz Anderen, die sie hierher getrieben hatte, war noch lange nicht gestillt …

Jemand rief:

– Ach, jetzt übertreib nicht, Bernhardt. Es ist doch noch früh – gerade mal Mittag. Ein Stückchen werden wir noch gehen können!

– Genau! So eilig werden wir’s nicht haben! Wir sind noch gar nicht weit marschiert.

Michael steckte den Finger in den Mund, um sich Wurstfetzen aus den Backenzähnen zu kratzen, und sagte in einem Ton, als habe er etwas Gewichtiges hinzuzufügen, das bisher noch keiner bedacht habe: Genau, es ist noch früh am Tag, lasst uns ruhig noch weitergehen, so eilig werden wir’s nicht haben!

Rauk machte den Beutel mit Fleischbrocken, den er inzwischen geleert hatte, an seinem Gürtel fest und nahm auch Pfeil und Bogen vom Boden auf, als bereite er sich schon auf den Weitermarsch vor. Er nickte mit Nachdruck in Michaels Richtung, nicht nur, um ihm recht zu geben, sondern auch, um die ganze Angelegenheit, nachdem Michael sich so klug und erschöpfend zu ihr geäußert hatte, für entschieden zu erklären. Dann wandte er sich zu Bernhardt:

– Es ist gut, dass du uns an die Zeit erinnerst. Wahrhaftig, wir sollten nicht noch länger hier sitzen bleiben; die Sonne steht schon hoch, lasst uns am besten gleich aufbrechen! Umso früher finden wir heraus, was es mit dem Seil auf sich hat, und umso früher können wir zum Dorf zurückkehren.

Bernhardt machte eine schwache Gebärde, er hatte begriffen, dass seine Worte auf taube Ohren stießen. Ein Bauer nach dem anderen stand auf, alle begannen durcheinanderzureden, Thor bäumte sich vor Rauk in die Höhe und setzte mit heißem Winseln die Pranken auf seine Schultern, als wolle auch er dafür plädieren, dass die Männer weitermarschieren sollten. Die Ersten hängten bereits ihre Taschen um, niemand ließ auf sich warten.

Der Wald war nun nicht mehr flach wie am Morgen, sondern von leichten Erhebungen durchzogen, die in ruhig-gelassenem Rhythmus, ein Spiel von steigenden und fallenden Linien, einander folgten. Hellblaue Blumen, schöne Spätlinge des sich neigenden Sommers, wuchsen üppig zwischen den Bäumen, breiteten sich aus wie kleine Teiche. Das Seil lief immer weiter, zog sich in ausholenden Bögen um die Hügel herum oder stieg, gerade und zielstrebig, über sie hinweg. Mit jedem Schritt, den die Männer taten, spürten sie dem Rätsel nach, um dessen willen sie aufgebrochen waren, und mit jedem Schritt wich die Lösung dieses Rätsels weiter vor ihnen zurück. Die Zeit verging schnell, niemand gab auf sie acht, zu stark war der Drang, weiter und weiter zu gehen, selbst Bernhardt schwieg.

Am späten Nachmittag, als das Silber der Buchen dunkel anlief, wurden die Männer müde, spürten den Preis, den ein stramm durchwanderter Tag von ihnen forderte. In einer geräumigen Mulde, an der ein Bach vorüberfloss, machten sie Halt und richteten ihr Nachtlager ein. Ein Feuer aus trockenen Zweigen wurde entzündet, alle holten ihre Vorräte hervor, die vom Mittagsmahl noch übrig waren, dazu Pilze und Nüsse, die sie unterwegs in ihre Taschen gepflückt hatten; nichts schien zu fehlen, um es sich gemütlich zu machen, den Tag in wohlverdienter Behäbigkeit ausklingen zu lassen.

Alle blickten gestört auf, als sich Bernhardt in die Mitte der Gruppe stellte und mit erhobener Hand um Aufmerksamkeit bat.

– Wir sind jetzt einen ganzen Tag lang marschiert, Männer. Was ist aus unserer Abmachung geworden, bis zum Nachmittag wieder daheim zu sein? Wir haben sie gebrochen, und unsere Frauen warten vergebens auf uns.

Die Bauern blieben stumm, blickten unwillig zu Boden. Raimund, der sich eben am Feuer zu schaffen machte, einen schweren Ast in Händen hielt, den er über dem Schenkel in Stücke brechen wollte, entblößte mit einem Zischen die gelben Zahnreihen.

– Morgen früh müssen wir uns endlich auf den Rückweg machen, fuhr Bernhardt fort, es ist höchste Zeit! Bis wir im Dorf ankommen, wird noch einmal ein ganzer Tag vergehen. Ein ganzer Tag!

– Schon gut, verdammt! Das brauchst du uns nicht zu sagen!, rief Raimund, zerbrach mit einer wütenden Bewegung den Ast und hielt die beiden Enden wie Waffen in seinen dicken Fäusten. – Lass gut sein! Wir wissen selbst, wie weit der Weg zum Dorf ist!

Es gelang Bernhardt, ihm ruhig ins Gesicht zu blicken.

– Warum fährst du mich so an? Denk an unsere Frauen und Kinder. Sie werden sich große Sorgen um uns machen – vielleicht halten sie jetzt gerade unter der Eiche Rat ab, oder sie stehen am Rand des Waldes und warten auf uns. Wie sollen sie sich erklären, dass wir noch immer nicht bei ihnen sind?

– Mach halblang, Bernhardt!, rief jetzt Michael dazwischen. Was willst du denn eigentlich? Es ist ja wahr – wir haben ›abgemacht‹, bis zum Nachmittag im Dorf zurück zu sein. Gut – aber manchmal kommt’s eben anders, als man denkt!

– Genau!, schrie ein anderer. Es kommt, wie es kommt! Und außerdem – du bist ja auch noch hier, Bernhardt! Oder täusch’ ich mich? Warum hast du denn nicht kehrtgemacht – he?!

Bernhardt ließ den Blick zur Seite gleiten.

– Ja … Das stimmt wohl … Auch ich … bin bis hierher mitgegangen … Aber – jetzt sage ich, dass es genug ist! Wir müssen umkehren! Die Ernte steht bevor – wir dürfen sie nicht länger aufschieben. Jeder weitere Tag, der ins Land geht, ist gefährlich, schon morgen kann das Wetter umschlagen!

Seine Worte machten auf die Bauern einen gewissen Eindruck. Bernhardt galt im Dorf als ein vernünftiger, wenn auch etwas spröder Mann, der höchstens ein oder zwei Mal im Laufe des Jahres betrunken war und auf dessen Urteil man etwas geben konnte. Er sprach nun Dinge aus, die sich die Männer auch selbst schon gesagt hatten: Immer wieder waren ihnen die Felder durch den Kopf gegangen, und es hatte ihnen einen Stich gegeben, ihre Frauen im Ungewissen zu lassen … Zugleich aber regte sich auch ein Widerwille in ihnen. Die Wanderung hatte sie tief aufgewühlt, sie brauchten nur an das Seil zu denken, schon sträubte es sich in ihnen, dies großartige Abenteuer abzubrechen, sich unverrichteter Dinge auf den Heimweg zu machen. Auch waren sie zu stolz und auf beschränkte Weise eigensinnig, um sich von jemandem, der ihresgleichen war, dem nicht das Recht zustand, sich für klüger zu halten als sie, Ermahnungen anzuhören: Was nahm sich Bernhardt eigentlich heraus?

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