Nette Leute mit Hunden - Roman

von: Manfred Koch

Gmeiner-Verlag, 2019

ISBN: 9783839259580 , 312 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 3,99 EUR

Mehr zum Inhalt

Nette Leute mit Hunden - Roman


 

2


Das Erste, was mir auffiel, als ich am Tag nach Roberts Abreise um die Mittagszeit sein Haus betrat, war der Geruch. Ich stellte meine Reisetasche im Flur ab, schloss die Augen, um mich besser konzentrieren zu können, und atmete vorsichtig ein. Kein Zweifel: Es roch nach Hund.

Nasses Fell, Hundesabber, Ausdünstungen, Scheiße – mit dieser Geruchsmischung in der Nase bin ich aufgewachsen, die hat sich in mein Gedächtnis hineingefressen, so wie sie sich in Teppiche, Vorhänge und Polstermöbel hineinfrisst, aus denen man sie auch nie wieder herauskriegt, egal, wie sehr man sich bemüht.

Und als ich dann auch noch die Hundeleine und den ledernen Beißkorb sah, die an Garderobenhaken neben der Haustür hingen, wusste ich, dass ich mich nicht getäuscht hatte.

Aber ich war doch ziemlich irritiert und fragte mich, wieso nie von einem Hund die Rede gewesen war – mit keinem einzigen Wort, nicht einmal in der leisesten Andeutung –, als Robert mir beim Italiener all die Dinge aufgezählt hatte, die ich bitte regelmäßig erledigen solle, angefangen beim Abtauen des Kühlschranks bis hin zum Staubsaugen, Fensterputzen und Rasenmähen. Den Rasen regelmäßig zu mähen, hatte er mir sogar mindestens drei Mal aufgetragen, als sei ein gemähter Rasen das Wichtigste auf der Welt. Aber nicht eine Silbe über einen Hund. Ein Hund war doch keine so bedeutungslose Nebensache, dass Robert einfach vergessen haben konnte, ihn zu erwähnen.

Oder hatte ich es überhört, war es verloren gegangen in dem Durcheinander aus Frustration und Vorfreude, das in meinem Kopf geherrscht hatte? Wie auch immer, jetzt war es zu spät, ich konnte Robert nicht mehr fragen, er hatte sich ja inzwischen hinter dicke Klostermauern zurückgezogen, irgendwo weit weg von hier. Es blieb mir also wohl nichts anderes übrig, als mich völlig unvorbereitet auf die Existenz eines vierbeinigen Mitbewohners einzustellen.

Jetzt wunderte ich mich allerdings, dass ich nicht sofort mit aufgeregtem Kläffen empfangen worden war. Schon die ganze Zeit hatte ich keinen einzigen Laut gehört, kein Bellen, kein Knurren, kein Winseln, absolut nichts. Und auch als ich fast auf Zehenspitzen durchs Haus schlich, eine Tür nach der anderen öffnete und mich in jedem Raum umblickte, konnte ich nirgends einen Hund entdecken, und da wusste ich dann erst recht nicht, was ich davon halten sollte.

Hatte Robert seinen Hund auf die Reise mitgenommen? Wohl kaum. Hatte er ihn für die Zeit seiner Abwesenheit anderen Leuten anvertraut, Nachbarn, Freunden, einem Tierheim? Möglich. Aber warum hingen dann die Hundeleine und der Beißkorb immer noch an ihren Haken?

Nun gut, früher oder später würde sich die Geschichte bestimmt aufklären. Hauptsache, dass es nun offenbar doch keinen Hund im Haus gab, um den ich mich hätte kümmern müssen. Ich atmete erleichtert auf. Denn was ich jetzt brauchte, waren vor allem Ruhe und Zeit zum Nachdenken. Robert hatte anscheinend auch das gewusst und mir deshalb die Verantwortung für seinen Hund vorsorglich erspart. Ein Grund mehr für mich, meinem Freund dankbar zu sein.

Das Haus würde mir wenig Arbeit machen, es war nicht groß. Vier Zimmer, Küche, Bad, Toilette. Ein Bungalow im Stil der Sechzigerjahre, mit Flachdach und einer kleinen, mit Natursteinplatten ausgelegten Terrasse. Rund ums Haus, nur unterbrochen durch einen breiten Kiesweg vom Gartentor zur Haustüre und weiter zu einer über und über mit Efeu bewachsenen Garage in der hintersten Ecke des Grundstücks, gab es eine Wiese mit niedrigen Sträuchern und einer grün gestrichenen Holzhütte, in der sich neben einem Haufen sinnlosem Gerümpel – wie zum Beispiel einem Klappfahrrad ohne Räder, ein paar rostigen Eisenrohren, einem blinden Spiegel, einem Korb voll fußballgroßen Zierkürbissen und, wohl am sinnlosesten, drei ausrangierten Barhockern, aus deren zerrissenen, weinroten Plastiksitzen die Schaumgummipolsterung quoll – auch nützliche Dinge befanden: ein alter Liegestuhl, mehrere Stapel Blumentöpfe aus ziegelfarbenem Ton, eine Heckenschere, ein Motorrasenmäher, ein Laubrechen, ein Spaten, eine Gießkanne aus Blech, ein zusammengerollter, schwarzer Wasserschlauch und ein Paar gelbe Gummistiefel, die mich sofort an die Stiefel erinnerten, in die ich als Kind immer schlüpfen musste, wenn mich mein Vater bei Regen mit unserem Hund hinausgeschickt hatte.

Das ganze Grundstück wurde von einer hohen Ligusterhecke eingesäumt, die offensichtlich schon seit Jahren nicht mehr geschnitten worden war, so dass man den Drahtzaun zwischen den wild wuchernden Zweigen kaum noch sehen konnte. Alles miteinander machte den Eindruck, als würde Robert bei der Pflege seines Eigentums doch ziemlich nachlässig sein, und deshalb beschloss ich spontan, es mit den vielen Dingen, die zu tun er mir aufgetragen hatte, auch nicht ganz so ernst zu nehmen. Sie waren gewiss nur als Beschäftigungstherapie für mich gedacht, um mich von meiner sinnlosen Grübelei über mein Unglück abzulenken.

Wie das Haus hatte auch die Einrichtung ihre beste Zeit schon länger hinter sich. In die Jahre gekommene, ein bisschen muffige Gemütlichkeit mit viel Nussfurnier, Raufasertapeten und Möbelsamt in Braun- und Ockertönen. Das erstaunte mich, denn ich hatte mir bei Robert etwas anderes erwartet. Anspruchsvoller, moderner, eleganter, meinetwegen auch protziger. Dieses alte, abgenutzte Zeug passte gar nicht zu ihm, fand ich, aber da hatte ich ihn wohl falsch eingeschätzt. Umso besser passte es zu mir. Denn genauso bescheiden, ja fast schäbig, war auch die möblierte Mietwohnung eingerichtet, in der ich bis jetzt gelebt hatte. Ich habe schon immer eine Vorliebe für gebrauchte Sachen gehabt, die einem ihre Geschichte erzählen, wenn man einen Sinn dafür besitzt. Was das betraf, würde ich mich in Roberts Haus also gar nicht lang eingewöhnen müssen. Das empfand ich als höchst angenehm, denn sonst ist es mir zeit meines Lebens immer schwergefallen, mich in einer neuen Umgebung nicht fremd oder sogar wie ausgesetzt zu fühlen. Und den Hundegeruch würde ich in ein paar Tagen ganz sicher auch nicht mehr wahrnehmen, dachte ich.

Es gab ein Wohnzimmer mit einer bodentiefen Fensterfront und einer Schiebetür, die direkt auf die Terrasse hinausführte, ein Schlafzimmer mit Doppelbett und Kleiderschrank, einen kleinen Raum, der ursprünglich wohl als Kinderzimmer gedacht gewesen war, von Robert aber offenbar als Büro benutzt wurde, und noch ein kleines, sparsam mit einer Ausziehcouch, einem Garderobeschrank, einem Tisch und zwei Stühlen möbliertes Gästezimmer, das, so hatten wir vereinbart, ab jetzt mein Schlafzimmer sein würde.

Robert hatte für alles gesorgt. Die Couch war mit frischem Bettzeug bezogen, der Kühlschrank war gefüllt mit Fertigpizza, Schinken, Salami und Käse für mindestens eine Woche, und auf dem Wohnzimmertisch stand neben einer Vase mit Margeriten eine Flasche Rotwein als Willkommensgruß – lauter Freundschaftsbeweise, die mich zutiefst rührten. Mensch Robert, dachte ich, was du für mich tust, das werde ich dir nie vergessen!

Ich fühlte mich plötzlich so fröhlich und optimistisch wie schon lange nicht mehr. In den nächsten Tagen musste ich nur noch ein paar Mal mit dem Bus ins Stadtzentrum fahren, um meine restlichen Habseligkeiten aus der alten Wohnung zu holen, spätestens am Ende des Monats dem Vermieter den Wohnungsschlüssel zurückgeben, und danach konnte es losgehen mit meinem Versuch, wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Glück gehabt, dachte ich wieder, es wurde aber auch langsam Zeit. Und dann schenkte ich mir ein Glas Wein ein und prostete meinem alten Freund in Gedanken zu.

Ich bin ja kein Experte, aber soweit ich es beurteilen konnte, war dieser Wein verdammt gut. Musste richtig viel Geld gekostet haben. Genauso wie die Cognacs, Whiskys und edlen Schnäpse, Flasche an Flasche dicht gedrängt in drei Reihen in der Bar, die wie ein Hausaltar fast die halbe Breite der rechten Wohnzimmerwand einnahm. An der Wand gegenüber der zweite Altar: ein großer Fernseher und eine Hi-Fi-Anlage mit riesigen Lautsprecherboxen. Das Teuerste, Modernste und Beste vom Besten, was es auf dem Unterhaltungselektronikmarkt Anfang der Neunzigerjahre zu kaufen gab – also zu der Zeit, in der sich all das abgespielt hat, worüber ich hier berichte.

Sündteure Getränke, sündteure Musikanlage, bloß nicht sparen, wenn es ums Genießen geht: was für ein Gegensatz zu dem abgenutzten Sofa, den durchgesessenen Fauteuils, dem falschen Perserteppich und der Stehlampe mit dem Elefantenhautschirm in der Zimmerecke. Es gab also doch etwas, worauf Robert Wert legte und das zu ihm passte. Ja, so kannte ich ihn. Wie beruhigend. Ich hatte ihn also doch nicht so ganz falsch eingeschätzt.

Ich stellte mir vor, wie er wohl oft dagesessen sein mochte, die Beine auf dem Tisch, ein Glas Whisky in der Hand, die Augen geschlossen und die Stereoanlage auf volle Lautstärke aufgedreht. Nur die Musik konnte ich mir nicht vorstellen. Seine Musik. Mit sechzehn, siebzehn hatte er die Stones gehört, manchmal Bob Dylan, doch das machten damals ja fast alle. Aber heute, ein Vierteljahrhundert später? Zog er sich die Schnulzen von Queen rein? Ließ er sich von Techno die Ohren volldröhnen, diesem nervtötenden Hämmern, das in letzter Zeit so oft aus der Nachbarwohnung durch die dünnen Wände zu mir gedrungen war? Liebte er Jazz oder war er gar Klassikfan geworden? Ich wusste es einfach nicht.

Ich ließ meinen Zeigefinger über die Stapel von Plattenalben und CDs gleiten und versuchte, ein paar Titel oder die Namen der Interpreten zu entziffern, die in winzigen Buchstaben auf den Schmalseiten der Cover gedruckt standen, aber eigentlich interessierte...