Die Einsamkeit der Schuldigen - Das Verlies - Thriller

von: Nienke Jos

Gmeiner-Verlag, 2019

ISBN: 9783839259467 , 508 Seiten

2. Auflage

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

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Preis: 10,99 EUR

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Die Einsamkeit der Schuldigen - Das Verlies - Thriller


 

1


Gezweifelt hatte er nie, überlegte er sich.

Eher hatte er keinen einzigen winzigen Gedanken daran verschwendet, eine Frau wirklich gefangen zu halten. Im Gegenteil. Seit jeher empfand er Schuld, weil er Frauen in seinen Fantasien erniedrigte. Damit hatte er zu kämpfen. Zeitlebens. Irgendwann aber hatte er verstanden, dass niemand von seinen Neigungen erfahren musste.

Wütend war er darüber. Über sein Bewusstsein, dass er eine gute Kindheit gehabt hatte. Aufgewachsen in unumstößlicher Festung, das konnte er nicht widerlegen. Niemand hatte ihn verdorben. Ein schuldiger Zustand.

Er hasste seine Intelligenz. Er hasste seine analytische Betrachtungsweise. Sie stand ihm beim Erarbeiten einer Legitimation im Weg. Aber sosehr er sich ärgerte, so unbemerkt hatte sich das Gefühl gewandelt.

Erst war es ein heimlicher Gedanke.

Er hatte dabei bewusst beobachtet, wie er sich implantierte, wie er sich im Innersten seines Kerns ein Nest baute. Er beruhigte sich dabei, zog er doch in keiner Weise in Erwägung, diesen Gedanken wirklich umzusetzen.

So ließ er dem Nestbau seinen Lauf, und mit einem Mal fiel es ihm nicht mehr schwer, den Gedanken zu akzeptieren. Die Absurdität dieser Idee wurde so etwas wie ein Bestandteil seiner Persönlichkeit. Sie saß fest. Vielleicht aus kindlichem Trotz, das traf es wohl am ehesten.

Und dann?

Und dann war es zu spät, noch etwas dagegen zu unternehmen. Es lag nicht mehr in seiner Verantwortung, seine Gefühle zu beeinflussen, sie zu dämmen in ihrer Vehemenz. Dadurch ergab sich eine Distanz, die den Triumph über seine Vernunft ermöglichte. So wachte er mit dem Gedankenspiel auf und schlief damit ein.

Irgendwann wurde die Idee dominant. So dominant, dass sie seinen Alltag beherrschte. Aus der Idee wurde ein konkreter Plan, und aus dem konkreten Plan wurde Schritt für Schritt Realität.

Ein schleichender Prozess.

Erst kümmerte er sich um die harmlosen Dinge, deren Erfüllung sein Plan nach und nach einforderte. Zum Beispiel das Suchen einer geeigneten Lokalität.

Er dachte an eine Höhle. Den Gedanken verwarf er wieder.

Dann kam ihm die Idee einer richtigen Wohnung. Die würde er mieten, aber das schien ihm zu riskant.

In seinem Kopf erschienen Bilder von einem alten, verlassenen Fabrikgebäude, in dem die Frau auf einer alten Matratze in einem Käfig lag.

Er lachte darüber und schämte sich.

Lieber nicht.

Die Frau sollte nicht an Unterkühlung und Krankheit sterben. Er war kein Mörder. Er wollte niemanden umbringen. Erst recht wollte er keine Leiche ficken.

Er stellte sich vor, dass er die Frau in einem Verlies versteckt halten könnte. Unterirdisch. Sie würde ihm dankbar sein, wenn er ihr nach vielen Stunden der dunklen Einsamkeit etwas zu essen gab, sie liebevoll behandelte. Denn das würde er.

Er lief tagelang geeignete Waldstücke ab und fand eine einsame, allein stehende Hütte. Heruntergekommen, baufällig, alt. Kein Jagdbezirk, keine ausgewiesenen Wanderwege.

Den Besitzer der Hütte ausfindig zu machen, gestaltete sich schwierig. Zunächst schrieb er einen Zettel. Mit Computer.

Er laminierte ihn und klebte ihn an die Tür.

Er gestand sich ein, dass er dankbar war. Dankbar für die Erlaubnis, untätig zu warten, bis sich der Besitzer melden würde. Das verschaffte ihm Zeit. Zeit, seinen Plan wieder umzuwerfen. Denn eins hatte er auf jeden Fall:

Angst. Angst, Angst und noch mal Angst.

Aber niemand rief an.

Er ging zur Stadtverwaltung des Ortes, dem das Waldstück zugeordnet war. Die durften und wollten ihm aber keine Auskunft darüber geben, in wessen Besitz die Hütte war. Er wollte schon aufgeben und nach einer anderen Möglichkeit suchen, als sein Handy am 13. August einen entgangenen Anruf von einer fremden Nummer anzeigte. Als er zurückrief, meldete sich eine junge männliche Stimme.

»Ja, bitte?«

»Hallo? Ja, hören Sie mich?«

»Ja, ich höre Sie gut. Was kann ich für Sie tun?«

»Ich hatte Ihre Nummer auf meinem Display. Haben Sie mich angerufen, weil Sie eine Nachricht an der Tür Ihrer Hütte im Wald gefunden haben?«

Der Mann am anderen Ende der Leitung reagierte zunächst nicht. Er schien mehrere Anrufe am Tag zu erhalten, deren Nummern er nicht kannte. Es dauerte, bis er den Anrufer einsortieren konnte. »Ah. Ja, jetzt verstehe ich. Natürlich, ja. Ich hatte Sie heute Morgen versucht zu erreichen. Den Zettel habe ich gestern Abend gefunden, als ich nach dem Rechten sehen wollte. In welcher Angelegenheit wollen Sie mich sprechen?« Der Mann schien von einer Freisprechanlage in seinem Auto zu telefonieren, das Rauschen im Hintergrund deutete stark darauf hin.

»Ja, ich wollte Sie sprechen.« Er räusperte sich leise. »Wissen Sie, ich kenne Ihre Hütte in dem Waldstück hinter dem Tal. Ich bin auf der Suche nach genau so einem Rückzugsort, um am Wochenende eine Auszeit zu nehmen. Ich bin viel beschäftigt und wohne in der Stadt. Ich wollte Sie fragen, ob Sie die Hütte verkaufen möchten.« Aufgeregt klang er, darüber ärgerte er sich.

»Oh. Diese Frage kommt etwas überraschend für mich. Die Hütte gehörte meinem Vater, und ich war fast zehn Jahre nicht mehr dort. Mein Vater ist vor vielen Jahren gestorben. Ich wohne in München, und ich komme nur selten in meine Heimat. Ich besitze nicht einmal einen Schlüssel.«

»Dass Ihr Vater verstorben ist, tut mir leid.« Er machte eine gewissenhafte Pause. »Wissen Sie, ich würde Ihre Hütte wirklich gerne kaufen.«

»Ich bin unterwegs, verstehen Sie? Wie heißen Sie noch mal?«

»Ich heiße Bernd«, sagte er. Geübt.

»Bernd, verzeihen Sie mir, dass ich im Augenblick nichts dazu sagen kann. Lassen Sie mich darüber nachdenken, ist das in Ordnung für Sie?«

»Ja, das ist natürlich in Ordnung. Ich würde mich wirklich freuen, wenn Sie sich zurückmelden.«

»Okay. Ich melde mich. Danke für Ihre Anfrage. Wirklich. Bis dann.«

»Ich könnte die Hütte auch …« Er war nicht dazu gekommen, den Satz zu Ende zu sprechen.

Der junge Mann hatte aufgelegt, und zu seinem Bedauern rief er nie wieder an.

Er wartete. Es vergingen Wochen.

Wann immer er zur Hütte kam, so gab es nie Anzeichen dafür, dass sich dort irgendjemand aufgehalten hatte.

Am 18. Oktober wechselte er das Schloss der Hütte aus.

Es war das erste Mal, dass er sie überhaupt von innen sah: Die kleinen Fenster hatten Fensterläden, die man verschlossen hatte, so kam Tageslicht nur durch die winzig kleinen Öffnungen, die sich zufällig durch die ungenaue Architektur ergaben. Es roch feucht und modrig.

In der Mitte des Raumes stand ein verblasstes rotes Sofa. In der hintersten Ecke ein Bett mit einer alten Federkernmatratze. Kleine Flickenteppiche lagen an den Seitenwänden verteilt. Vielleicht, damit kalter Wind nicht durch die Lücken zog.

Es hingen einst Bilder an der Wand, die jemand entfernt hatte.

Er machte sich an die Arbeit, reinigte sorgfältig den Boden und die Möbel. Eine Toilette gab es nicht.

Er kaufte neue Teller, Tassen und Gläser. Er besorgte Besteck und Schüsseln, und für den Gasherd einen neuen Topf und eine Pfanne. Eine gewisse Ausstattung an haltbaren Grundnahrungsmitteln, Mülltüten, Küchenrolle und Klopapier räumte er in die gut erhaltenen Schränke, die er zuvor mit ausreichend Spülmittel ausgewaschen hatte. Er kaufte einen großen Teppich und legte ihn mittig auf den Boden.

Wenn es stimmte, was der Mann gesagt hatte, so wusste er mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht, wie die Hütte von innen aussah, und erst recht würde er nicht erkennen, wenn sich etwas verändert hatte. Er würde nicht einmal merken, dass jemand das Schloss ausgewechselt hatte.

Als seine Vorbereitungen beendet waren, wartete er geduldig auf die Vorfreude.

Die wollte sich nicht einstellen.

Wann immer er zur Hütte fuhr und sich dort aufhielt, kam er sich vor wie ein Verbrecher. Er fühlte sich schuldig. Die Hütte gehörte ihm nicht. Er hatte sie sich ohne Erlaubnis genommen. Mit diesem Umstand sah er seine ersehnte Unabhängigkeit gefährdet. Die erstrebte Eigenständigkeit, die einen wesentlichen Bestandteil seiner gesamten Mission darstellte, wurde durch das starke Gefühl, etwas Verbotenes zu tun, überschattet. Sein ganz persönliches Projekt, bei dem ihn niemand beeinflussen sollte, geriet plötzlich ins Straucheln.

Er kam zu dem schweren Entschluss, alles wieder rückgängig zu machen. Er brauchte etwas anderes. Einen Ort, der ganz allein ihm gehörte.

Erneut machte er sich auf die Suche, dieses Mal im Internet, und fand sie: Als Jagdhütte genutzt, stand sie unweit eines großen Hotels. Das machte ihn einigermaßen nervös. Weil es aber die einzige weit und breit war, die zum Verkauf stand, bildete er sich ein, dass es von Vorteil war, wenn sie nicht einsam und verlassen stand. Er musste nur aufpassen, dass ihn keiner mit der Frau entdeckte.

Um sie zu kaufen, nahm er einen Kredit auf.

Die Hütte war in einem guten Zustand. Etwa 20 Quadratmeter groß. Gebaut war sie aus Rundholz mit 16 Zentimeter Stammstärke, die Bedachung aus Trapezblech. Sie hatte Fensterläden aus Holz.

Er richtete sie unscheinbar ein. Gerade so, dass es den Eindruck erweckte, als verbringe er hier lediglich ein paar Stunden am Wochenende. Sogar die Polizei würde nichts finden, außer ein Spürhund würde eingesetzt werden, aber davon war erst einmal nicht auszugehen.

Niemand würde ihn verdächtigen. Planmäßig bestand keine...