Dark Sights - Horror-Stories

von: Karin Elisabeth

Amrûn Verlag, 2018

ISBN: 9783958693081 , 145 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: frei

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Preis: 2,99 EUR

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Dark Sights - Horror-Stories


 

DIE BLUMEN


Mit Mama war etwas nicht in Ordnung. Jakob und Miriam, genannt Mimi, bemerkten es an einem strahlend hellen Morgen im Mai.

Mama, so nannten die Kinder die 35-jährige Isabel K., die an jenem Morgen reglos am Küchenfenster stand und verloren in das leere, dunkle Sonnenblumenbeet starrte. Das allein war noch nicht allzu beunruhigend. Seltsam war aber, dass Mama weder das verschlafene »Guten Morgen« der Kinder erwiderte, noch sich nach ihnen umdrehte, als sie die Stühle mit einem Quietschen zurückzogen und sich an den Tisch setzten.

»Mama, was ist mit dem Frühstück?«, fragte Mimi schließlich laut, wie um einen Bann zu brechen.

Sie erntete einen strengen Blick ihres älteren Bruders, aber auch Jakob wunderte sich über den leeren Tisch und über Mama, die einfach so dastand wie eine Schaufensterpuppe und in das Beet blickte, das sie vor Kurzem erst zusammen mit den Kindern bepflanzt hatte. Auch auf Mimis Frage reagierte Isabel nicht. Die Kinder scheuten sich davor, Mama in diesem Zustand zu nahezukommen, und weckten ihren Vater, Raimund K., der normalerweise bis halb acht schlief.

In der Küche fand Raimund seine Frau noch immer in demselben Zustand, den die Kinder ihm in zusammenhanglosem Geschrei zu schildern versucht hatten. Als er Isabel mit ihrem Namen ansprach, reagierte sie zunächst nicht. Erst, als er dabei ihre Schulter berührte, antwortete ihr Körper wie mit einer Art verlangsamtem Zusammenfahren aller Muskeln. Seine folgenden Fragen »Geht es dir gut?« und »Willst du ins Krankenhaus?« beantwortete sie mit einem mechanischen »Ja ... nein ...«.

Dem Anschein nach war sie bei Bewusstsein. Widerstandslos ließ sie sich von Raimund die Treppe hoch und in ihr Schlafzimmer führen, wo sie versprach, sich hinzulegen, während er den Kindern Frühstück machte und sie anschließend mit dem Auto zur Schule fuhr.

Als er zurückkam, schien Isabel fest zu schlafen. Kein Wunder, dieser Zusammenbruch, dachte er. Zermürbende Wochen lagen hinter der Familie; erst der »nach kurzer Krankheit« überraschende Tod von Isabels Mutter Hedi, dann der Umzug in Isabels nun verlassenes Elternhaus. Und mit den Kindern, beide in jeweils kritischen Entwicklungsphasen, war es auch nicht immer leicht. Isabels wie immer resolutes und fröhliches Wesen hatte ihn wohl über ihre tatsächliche Erschöpfung hinweggetäuscht. Also beschloss Raimund K., erst mal abzuwarten und sie ausruhen zu lassen, anstatt einen Arzt zu konsultieren, und fuhr zur Arbeit.

Am Abend fand er Isabel schweißgebadet in ihrem Bett, zitternd und nach Luft ringend. Blut rann als dünner Faden aus ihrer Nase. Sie wurde ins Krankenhaus gebracht, wo nach langer Wartezeit und hastiger Untersuchung der Lunge und der Lymphknoten auf einen »wahrscheinlich bakteriellen Infekt« geschlossen wurde. Es wurde ein Antibiotikum verschrieben. Sollte sich innerhalb von sieben Tagen keine Besserung einstellen, so sollte Isabel sich noch einmal beim Hausarzt vorstellen.

Tatsächlich ging es Isabel nach einer Woche besser. Das jedenfalls nahm Raimund K. an, nachdem das Fieber abgeklungen war. Aber die Müdigkeit und eine gewisse geistige Abwesenheit blieben. Und auch wenn Isabel ihr Bett nun wieder verließ, war sie kaum dazu imstande, Haushalt und Kinder verlässlich zu versorgen, geschweige denn zur Arbeit zu gehen.

Eines Mittags ließ sie das Fett auf dem Herd so lange anbrennen, bis die Pfanne ganz schwarz wurde. Der Rauchmelder schrillte wohl schon eine Weile, aber Isabel blickte immer noch still aus dem Fenster in das Beet, wo die Sonnenblumen schon durch die Erde brachen und sich mit aller Wucht dem Licht entgegendrängten.

Niemand konnte ahnen, dass Isabel nicht einfach dastand, sondern sich erinnerte. An etwas, das sie ihrem Mann und den Kindern nie erzählt und das sie selbst schon lange vergessen hatte. Sie erinnerte sich an den Komposthaufen hinter dem Feld, wo damals keine Sonnenblumen, sondern Erbsenstöcke gestanden hatten. Es war ein Gemüsegarten gewesen, in dem sie herumspaziert war, um zu sehen, wie weit die Möhren gewachsen waren, während sie mit den Eltern am Meer gewesen war, und ob sich die Himbeeren hinter dem Komposthaufen schon rot färbten.

Es war ein schwüler Tag, die ersten Regentropfen fielen, und die Würmer wühlten sich aus der dampfenden Erde. In der Nähe des Komposts roch es seltsam süßlich, beißend, und hinter den Sträuchern surrte und summte es wie von einem ganzen Insektenschwarm. Genau da hinten, auf die andere Seite des Zauns, musste Isabel gehen, um nach den Himbeeren zu sehen, denn auf dieser Seite des Strauchs bekamen sie das meiste Sonnenlicht ab. Was die kleine Isabel dahinten sah, im hellen Nachmittagslicht, waren aber nicht die überreifen Himbeeren. Es war zuerst ein Schuh, dann ein Bein und dann ein toter Mensch, der im Gras lag und von aberhundert glänzenden Fliegen und Käfern zerfressen wurde.

»Oma liegt tot hinten beim Komposthaufen«, hatte sie dann ihren Eltern erzählt, die gerade in der Küche die dreckige Wäsche aus den Koffern sortierten.

Von diesen Erinnerungen ahnte Raimund K. nichts, als er Isabel zum Arzt fuhr. Dieser behandelte ihre Rauchvergiftung und schloss, weil er durch Ultraschall und Blutuntersuchungen keine Erklärung für Isabel K.s geistigen Zustand fand, auf eine Depression, wohl ausgelöst durch den kürzlichen Tod ihrer Mutter. Er verschrieb ein Antidepressivum und versicherte Raimund K., man müsse diesem und der natürlichen Resilienz nur etwas Zeit geben. Tatsächlich bemühte sich Isabel nach einigen Wochen wieder, den Haushalt und die Kinder zu versorgen, was Raimund zu der Annahme veranlasste, es ginge ihr dank der Medikamente deutlich besser. Also ging er wieder zur gewohnten Zeit ins Büro, was ihn die weiteren, fatalen Veränderungen, die mit seiner Frau vorgingen, lange nicht bemerken ließ.

Nur Jakob und Mimi sahen, wie Mamas Haltung die einer alten Frau wurde, wie seltsam sie jetzt ihre zitternden Hände hielt, wenn sie das Brot schnitt. Nur Jakob und Mimi bemerkten, dass Mama immer wieder in ihren Haushaltsroutinen innehielt und still aus dem Fenster in das Beet blickte, wo die Sonnenblumen inzwischen mannshoch in den Himmel ragten und mit dunklen Gesichtern in das Fenster lugten. Nur den Kindern fiel auf, dass ihre Mutter, obwohl sie oft lange am Fenster stand, die Tür zum Garten mied, als ob dahinter etwas Schreckliches lauerte.

Eines Nachts, schon spät im Sommer, kam Mimi noch einmal runter in die Küche, um sich etwas zu Trinken zu holen. Als sie die Kühlschranktür öffnete, bemerkte sie aus dem Augenwinkel ein seltsames, unnatürliches Leuchten, das durch das Küchenfenster fiel. Mimi fuhr herum und sah, dass das Leuchten von den Sonnenblumen kam. Wie tückisch sie durch das Fenster blickten mit ihren dunklen Gesichtern! Und dann sah sie auch ihre Mutter, draußen, ganz nah am Feld, wo sie mit den Blumen zu sprechen schien.

Schnell lief Mimi nach oben und sagte Jakob Bescheid. Als sie wieder in die Küche kamen, war Mama vom Fenster aus nicht mehr zu sehen. Mimi weckte den Vater, Jakob rannte hinaus in den Garten. Er fand Mama erstarrt mitten im Sonnenblumenfeld und führte sie auf den Rasen. Dort saß sie schweigend, immer noch auf dieselbe Stelle hinten im Feld blickend, als sein Vater endlich kam.

»Isabel!«, rief Raimund, erschrocken über ihren Anblick und überfordert mit den ängstlichen Kindern, die selbst nicht hätten sagen können, wovor sie sich genau fürchteten: Vor dem, was Mama Angst gemacht hatte oder vor Mama selbst. »Was machst du denn hier draußen?«

»Wir müssen sie abschneiden«, flüsterte Isabel verzweifelt.

Raimund runzelte die Stirn und schickte die Kinder nach oben, um sie nicht noch mehr zu verstören.

»Hörst du nicht!«, schrie Isabel. »Wir müssen sie ABSCHNEIDEN!«

»Die Sonnenblumen abschneiden?«

Isabel antwortete nicht, sondern flehte ihn nur mit ihren dunklen, weit aufgerissenen Augen an.

»Aber die Kinder werden traurig sein, Isabel ...«

Noch in derselben Nacht riss Raimund K. alle Sonnenblumen aus der Erde. Nun lag da, mitten im blühenden Sommer, ein kahles, dunkles Stück Erde im Garten. Ein Anblick, der Raimund und die Kinder schaudern ließ, wenn sie aus dem Küchenfenster blickten. Auch Isabels Zustand schien sich trotz der radikalen Maßnahme nicht zum Besseren verändert zu haben. Seit jener Nacht wurde allerdings die Tür zum Garten und auch die Haustür immer verschlossen gehalten, damit sich ein solches Schauspiel nicht noch einmal ereignen konnte.

Doch Isabels Verhalten blieb auch innerhalb des Hauses sonderbar und gefährlich, und selbst Raimund konnte bald nicht mehr verdrängen, dass sie den Kindern Angst machte. In einem ihrer letzten klaren Momente erklärte Isabel K. sich freiwillig dazu bereit, in ihrem Zimmer zu bleiben, bis das neue Medikament anschlug.

Eines Morgens wachte Mimi auf und fand in ihrem Zimmer die Wände mit furchtbaren, wie mit wüst krakelnder Kinderhand gezeichneten Bildern behangen. Sie alle zeigten Sonnenblumen in schrillem, schreiendem Gelb, Rot und Violett, die mit bösen Gesichtern in den Raum starrten. Mimi rannte zu Jakob, der ihr nicht glauben wollte, dass sie die Bilder nicht selbst gemacht hatte. Dennoch erschrak er, als er die grausigen Zeichnungen an den Wänden sah und konnte nicht so recht glauben, dass sie wirklich der Fantasie seiner kleinen Schwester entsprungen sein sollten. Schnell nahmen sie die Bilder ab und versteckten sie, denn sie wollten nicht, dass Mama eingesperrt wurde.

Dann kam der Tag, an dem sich Raimund K. zum Wohl und zur Sicherheit der Kinder doch dazu entscheiden musste, seine Frau in eine psychiatrische Klinik einzuweisen. An jenem Morgen stürmte er in die Küche, da er von oben die beiden...