Ostseerache - Kriminalroman

von: Eva Almstädt

Bastei Lübbe AG, 2018

ISBN: 9783732555758 , 414 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: Wasserzeichen

Windows PC,Mac OSX geeignet für alle DRM-fähigen eReader Apple iPad, Android Tablet PC's Apple iPod touch, iPhone und Android Smartphones

Preis: 8,99 EUR

Mehr zum Inhalt

Ostseerache - Kriminalroman


 

1. Kapitel


Nicole Mohr sammelte die Notenhefte ein. Sie ordnete und stapelte sie akkurat, bis die anderen Frauen aus dem Chor endlich gegangen waren. »Hannes?« Sie legte die Hefte auf dem Flügel ab. »Ich muss dir was sagen.«

»Mach dir bloß keine Gedanken wegen deines Solos.« Hannes Schöttler schloss den Schrank mit den Notenständern. Er kam, nein, tänzelte beinahe auf sie zu. »Du wirst fantastisch sein, Nicole.«

»Das ist es nicht.« Sie roch die Lakritzpastillen, die er dauernd lutschte, und trat einen Schritt zurück. »Ich höre auf zu singen. Heute war das letzte Mal.«

»Was redest du da? Wir brauchen dich!«

»Tut mir leid, Hannes. Es war eine schöne Zeit im Chor. Aber es geht nicht mehr. Vielen Dank für alles.«

Er schüttelte langsam den Kopf. »Das meinst du nicht so, Nicole.«

»Doch. Es ist mein voller Ernst.«

»Wieso? Wo es doch gerade … wo ich … Also, ich bin einigermaßen sprachlos.« Seine Mundwinkel zogen sich nach unten. Er blinzelte und knetete die großen Hände.

Nicole hatte damit gerechnet, dass Hannes enttäuscht sein würde. Im Chor war es längst so eine Art Running Gag, dass er sie anbetete. Sie hatte ihm bestimmt nie irgendwelche Hoffnungen gemacht. Doch seit ihrer Trennung von Falk benahm er sich immer merkwürdiger. »Meine Stimme wird euch sicher nicht fehlen.« Sie versuchte ein aufmunterndes Lächeln, doch sie fühlte sich allmählich beklommen, so wie er sie ansah. Aber diese Umgebung passte nicht mehr zu ihr. Der Gemeindesaal mit dem verschrammten Fußboden, den schlaffen gelbbraunen Vorhängen. Die Einrichtung war so zweckmäßig, dass es schon wehtat. Sogar das Licht aus den Siebzigerjahrelampen sah milchig und schal aus. Es überzog alles wie mit einem klebrigen Film des ewig Gestrigen. Ein Ort für Verlierer.

»Wir haben in fünf Wochen unser Konzert, Nicole. Dafür proben wir. Ich meine, was denkst du dir? Muss es ausgerechnet jetzt sein?« Hannes’ Blick hinter den Brillengläsern war nun starr auf sie gerichtet.

»Brigitte singt das Solo doch viel besser als ich.«

»Nicki, wir brauchen dich! Überleg es dir noch einmal«, drängte er sie.

»Nein, Hannes. Mein Entschluss steht fest.« Sie griff nach Jacke und Tasche, die über einem der Stapelstühle aus hellem Eichenholz hingen.

»Du weißt nicht, was du da sagst!« In Hannes’ Mundwinkeln hatten sich Speichelblasen gebildet. »Du kommst wieder. Auf jeden Fall!« Er rang offensichtlich um Fassung. Und sie hatte gedacht, sie könnte hier einfach so hinausspazieren. Als wäre sie nicht ein Teil dieses Dorfes, der Gemeinde, dieses Chors. Das war ja, wie sich aus einem Sumpf zu befreien. Die Trennung von Falk, ihrem Mann, war nur der erste Schritt gewesen. Das erkannte Nicole jetzt. Sie wollte generell ein anderes Leben, ihren Anteil an Aufregung, Luxus und Spaß. Und das Gemeindehaus von Niensühn verkörperte alles, wovon sie sich losmachen musste.

Das Gesicht des Chorleiters wurde ausdruckslos. »Also gut, Nicole. Reisende soll man nicht aufhalten.«

»Tut mir wirklich leid.« Nicole schulterte ihre Umhängetasche und ging in Richtung Tür. Hannes, der hilfsbereite, stets freundliche und fügsame Ehemann der Pastorin, streckte den Arm aus, als wollte er sie festhalten. Nicole sah ihn fragend an. Er zog die Hand zurück und ließ sie vorbeigehen. Seine Fingerspitzen streiften jedoch noch ihre Schulter. Die Absätze ihrer Stiefeletten klopften leise auf dem Parkettboden, als sie eilig davonging.

»Das wirst du noch bereuen.«

Im Korridor runzelte Nicole die Stirn. Hatte er das wirklich gesagt? Die geflüsterten Worte waren mit dem Einschnappen der Tür zusammengefallen. Das hatte Hannes doch nicht wirklich gesagt? Oder zumindest nicht so gemeint? Das musste sie sich eingebildet haben. Eine Folge ihres schlechten Gewissens. Als sie die Außentür öffnete, riss eine Windböe ihr diese fast aus der Hand. Nicole atmete auf. Endlich frische Luft!

Nicole nahm den Schirm aus der Tasche, spannte ihn auf und machte sich auf den Heimweg. Hannes war selbst schuld! Sie hatte ihn nie ermuntert, ihm niemals Hoffnungen gemacht. Er war verheiratet, sie war es gewesen, war es streng genommen noch. Sein Benehmen war lächerlich.

Der Regen ließ nach, als sie die Hauptstraße erreichte. Nur aus den Kronen der Linden am Rand des Kirchhofs pladderten noch dicke Tropfen auf die Bespannung des Schirms. Nicole klappte ihn zu, warf einen Blick über die Schulter und überquerte die Dorfstraße.

»Schon wieder Totentanz in Niensühn um diese Uhrzeit«, murmelte sie. Irritiert sah sie sich ein zweites Mal um. Wer war das, da auf der anderen Straßenseite? Warum drückte er sich so an der Mauer des Kirchhofs entlang? Als sie sich ein drittes Mal umschaute, war der Fußgänger nicht mehr zu sehen. Er musste sich nun außerhalb der Lichtkegel der Straßenlaternen befinden. Doch wenn er weiterging, sollte er gleich wieder auftauchen. »Komm schon«, sagte sie leise. »Du wagst es nicht, Hannes. So bescheuert, mir zu folgen, bist du nicht.«

Sie wartete ein paar Sekunden. Nichts. Nicole stopfte den feuchten Schirm in die Umhängetasche und setzte ihren Weg fort. Sie lauschte, ob neben dem Pladdern aus Dachrinnen, dem Gurgeln in den Gullys und dem Rauschen der Blätter noch etwas zu hören war. Schritte, die ihr folgten?

Nicole widerstand dem Impuls, sich erneut umzusehen. Dies hier war Niensühn, nicht Hamburg oder gar Harlem. Trotzdem war sie erleichtert, als sie sich der alten Schmiede näherte, die etwas zurückgesetzt an der Dorfstraße stand. Falks Tischlerei. Sein Lieferwagen mit dem vertrauten Schriftzug stand davor. Im ersten Stock sah sie hinter staubigen Scheiben ein bläulich flackerndes Licht. Er war dort. Wahrscheinlich hockte er am Computer und spielte eines dieser sinnlosen Spiele. Oder er sah fern. Ihr Noch-Ehemann war nicht ehrgeizig. Nicole sah sich ein weiteres Mal um. Nichts. Das Benehmen des Chorleiters war ihr nicht ganz geheuer. Sie könnte an der Werkstatt anklopfen und mit Falk darüber reden. Sich von ihm nach Hause begleiten lassen … Aber nein. Sie waren getrennt, und Nicole wollte gar nicht sehen, wie Falk dort über seiner Werkstatt hauste. Es sich vorzustellen war unangenehm genug. Ob er sie deswegen hasste? Nein. Er machte sich ja nichts aus Komfort und einem schicken Ambiente. Er schien gerade über die Trennung hinwegzukommen. Das wollte sie nicht gefährden.

Nicole bog erst nach rechts und dann nach links ab, ging die Straße mit den Ein- und Zweifamilienhäusern hinunter, in der sie wohnte. Als sie ihre Pforte aufstieß und noch einmal zurückblickte, war die Straße leer. Nicole hatte im Flur ein Licht brennen lassen. So fühlte sie sich beim Nachhausekommen nicht so allein. Zum Glück war sie auch nicht allein, dachte sie. Sie hatte sich neu verliebt.

Nicole spannte den feuchten Schirm wieder auf und legte ihn zum Trocknen unter die Treppe. Sie zog Jacke und Schuhe aus und ging in die Küche. Nach einem Griff in die Obstschale auf der Arbeitsplatte stellte sie sich ans Fenster. Sie schaute, biss in den Apfel und hielt dann im Kauen inne. Warum zum Teufel war da drüben eigentlich das Licht an? Regina Laubner, ihre Nachbarin, lag mit irgendeiner Herzgeschichte im Krankenhaus. Es sollte was Ernstes sein, hatten die Frauen im Chor gesagt. Regina war bestimmt noch nicht wieder entlassen worden.

Ihre Häuser hatten ähnliche Grundrisse, waren nur spiegelverkehrt gebaut, sodass Nicole in die Küche des Nachbarhauses schauen konnte. Eine Frau hantierte am Spülbecken. Das war auf keinen Fall Regina. Die Fremde war deutlich jünger, trug ein schwarzes Tanktop, war an der Schulter tätowiert. An ihren Ohrmuscheln blitzten Stecker oder Ringe.

War das …? Verdammt noch mal, konnte das Reginas Tochter sein? Nicole hatte Flora zuletzt gesehen, als die etwa zwölf Jahre alt gewesen war. Wagte sie es, wieder nach Niensühn zu kommen? Eine Mörderin? Der Gedanke war lächerlich, doch es kam Nicole mit einem Mal so vor, als wäre allein Floras Anwesenheit im Dorf ein böses Vorzeichen.

Pia Korittki, Kriminalhauptkommissarin beim K1, saß vor dem Büro des Leiters der Lübecker Bezirkskriminalinspektion und wartete.

Ein Kollege, der im Vorzimmer an seinem Schreibtisch arbeitete, sah von seinem Bildschirm auf. »Du kannst bestimmt gleich zu ihm rein. Eben hat er noch was Dringendes auf den Tisch bekommen, aber er meinte, dass er gleich Zeit für dich hat.«

Pia vermutete, dass man es ihr an der Nasenspitze ansah, dass sie mit ihrer Geduld am Ende und drauf und dran war, den Termin abzusagen. Das Treffen mit Kriminaldirektor Keller stand seit beinahe zwei Wochen in ihrem Terminkalender. Es war auf Kellers Wunsch hin und ohne die Angabe von Gründen anberaumt worden, und so hatte sie fast zwei Wochen Zeit gehabt, darüber zu spekulieren, um was es bei der Unterredung gehen mochte, das sie nicht mit ihrem direkten Vorgesetzten Manfred Rist klären konnte.

»Vielleicht will er dich einfach näher kennenlernen«, hatte Pias Freund Lars vermutet und sich dafür ein Augenrollen eingehandelt.

»Das glaube ich ganz und gar nicht«, hatte Pia gesagt. Selbst Manfred Rist als Leiter des K1 schien vollkommen im Dunkeln zu tappen, was ihr oberster Chef von Pia wollte. Rist hatte nicht mit Andeutungen und Mutmaßungen gespart, um sie aus der Reserve zu locken. Offenbar glaubte er nicht, dass sie genauso ahnungslos war wie er.

Zumindest die Aussicht von ganz oben aus dem Polizeihochhaus war fantastisch, wenn auch nur ein geringer Trost für die Verspätung. Über den Vorzimmerbereich hinweg konnte Pia durch die staubigen Fensterscheiben über die Kanaltrave und die Dächer und Baumkronen beinahe bis zu ihrem Wohnhaus in der Adlerstraße sehen. Weiter links stachen die Türme des...