Blutsbund Vampirkönige

von: Cat T. Mad

Weibsbilder-Verlag, 2017

ISBN: 9783947005444 , 470 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: frei

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Preis: 7,99 EUR

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Blutsbund Vampirkönige


 


Ehrlichkeit



Als er das nächste Mal die Augen aufschlug, durchzog der Geruch von frischem Kaffee das Wohnzimmer. Im Kamin lagen neue Scheite und Lew saß in einem gegenüberstehenden Sessel. Braune Augen betrachteten ihn. Viktor spürte die Ruhe und Trauer, die der Mann ausstrahlte, ebenso spiegelte dessen Miene die Gefühle.

»Warum hast du mich nicht geweckt?«, fragte er sanft.

»Hat was Beruhigendes, dich beim Schlafen zu beobachten. Deine Mimik ist ganz anders als wenn du wach bist und deine Ausstrahlung ebenfalls.« Lew lachte leise. »Du verkörperst im Schlaf das Bild eines Engels wie ihn sich wohl viele vorstellen. Die Flügel fehlen noch.«

Viktor grinste schelmisch. »Mit einem Alter von 1400 Jahren schafft man es nicht, ein Engel zu bleiben, Lew. Sodom und Gomorrha trifft es besser, als der Himmel. Nur gut, dass man es mir nicht ansieht.«

»Klingt, als hättest du nichts ausgelassen.«

»Es waren Zeiten, die ich nicht missen möchte und in manchen Momenten wünsche ich sie mir zurück, das gebe ich offen zu. Der Thronsaal von damals ist einem modernen Büro gewichen und der Schädel raucht über diplomatischen Angelegenheiten.«

»Was passiert, wenn du mal nicht mehr bist?«

Viktors Brauen hoben sich belustigt. »Du meinst, falls einfach jemand vorbeikommt und mir zufällig den Kopf abschlägt? Ich habe Michail als Nachfolger bestimmt, auch wenn der nichts von seinem Glück weiß, aber noch bin ich ja da und das hoffentlich für eine lange Zeit.«

»Wann ... entschuldige, möchtest du einen Kaffee?«

»Gern.« Er betrachtete Lew, als dieser den Raum verließ und zwei Minuten darauf mit einer Tasse zurückkam. Als sie, vor gefühlten Jahren, zusammen am Besprechungstisch gesessen hatten, trug der Werwolf die Haare militärisch kurz, nun hingegen waren sie halblang und gaben dem kantigen Gesicht einen weicheren Ausdruck. Der Mann schien ihm muskulöser geworden zu sein und er fragte sich, ob es daran liegen könnte, dass er viel als Wolf unterwegs war.

»Ich wusste nicht, wie du ihn magst? Schwarz?«

»Schwarz ist perfekt.« Viktor erhob sich und setzte sich in eine bequeme Position, dann nahm er Lew die Tasse ab. »Danke. Was wolltest du mich fragen?«


Lew griff nach seinem Kaffee und schien sich daran festhalten zu wollen. Recht leise erzählte er: »Wir haben uns kennengelernt, als wir gerade die Wandlung hinter uns hatten. Zu Kriegszeiten lief es noch anders bei den Werwölfen. Mit sechzehn begann der Drill und kaum war man das erste Mal zum Wolf geworden, ging es in ein neues Rudel, dass für die harten Kämpfe ausgebildet wurde. Alexander, Valja und ich sind gemeinsam in eines gekommen und schlossen schnell Freundschaft. Valja war geschickt und der Taktiker unter uns, ich prinzipiell mehr der Umsetzende und Alexander ... Alexander war alles in einem. Wir haben Seite an Seite gekämpft, uns ausgeglichen und aufeinander aufgepasst. Es ... es gab nie Beziehungen in unserem Leben, zumindest nichts Ernstes, was Zeit in Anspruch hätte nehmen können. Die war für die Freundschaft reserviert. Vielleicht ist es mir deshalb nicht aufgefallen, weil wir drei es so handhabten? Selbst, als der Krieg ein Ende fand, waren wir unzertrennlich. Als Alexander in diese Ehe gezwungen worden ist, war er mehr bei uns, als bei Galina und ich schäme mich, weil ich dankbar dafür war. Ich dachte, ich liebe ihn wie einen Bruder. Vielleicht kommt daher meine Eifersucht? Aber sicher bin ich mir inzwischen nicht mehr. Bin ich neidisch, dass er etwas hat, was ich nicht habe? Bin ich eifersüchtig, weil er jemanden liebt, aber ich es nicht bin? Weil er sich vergnügt, aber nicht mit mir? Ich weiß es nicht und vielleicht will ich es auch gar nicht so genau wissen. Es ist wohl besser, mit der Vergangenheit abzuschließen. Ich weiß nur noch nicht wie. Die Drei, die gemeinsam durch alles gegangen sind, gibt es nicht mehr und wird es nie wieder geben. Valja hat Sergej, Alexander hat sein Herz an Michail verschenkt und ich? Ich fühle mich genauso einsam, wie ich es hier in Sibirien für mich gewählt habe. Der Ort passt zu meinem Leben.«

»Du bist nicht allein, Lew, selbst hier in Sibirien nicht. Ich sitze auf deinem Sofa und Vadim schläft oben.«

»Ich rede nicht davon allein zu sein, Viktor. Ich sagte einsam und das meine ich auch so. Kennst du den Moment, in dem du dich unter zig Leuten befinden könntest, du bist nicht allein, aber fühlst dich einsam?«

Viktor nickte, denn er wusste genau, was der Mann meinte. Er hörte ein leises Schnaufen von Lew, dass er als Unglauben deutete. »Lew, ich bin 1400 Jahre am Leben, habe Menschen und Vampire sterben sehen, die mir etwas bedeuteten und bis heute niemanden an meiner Seite. Glaub mir, ich weiß, wie es sich anfühlt, einsam zu sein und das auch, wenn zig der eigenen Rasse um einen herum sind. Selbst in den Momenten, in denen ich bei Michail und Alexander das fünfte Rad am Wagen war, denn nichts anderes ist es gewesen. Sie mögen mich, es machte Spaß, aber sie lieben sich und nicht mich.«

»Warum machst du es denn mit ihnen?«

Viktor war über diese Frage verblüfft und lachte leise. »Soll ich mein Büro nach Sibirien in eine Holzhütte verlegen, um den Zustand meines Seelenlebens zu verdeutlichen, Lew? Mir macht nur mein Trieb einen Strich durch die Rechnung, denn der ist durchaus vorhanden und ausgesprochen ausgeprägt. Wann hast du dir das letzte Mal einen runtergeholt?« Er kicherte, als Lew sich an dem Kaffee verschluckte. »Ich weiß, ist persönlich, aber du hast dir gerade die Frage erlaubt, warum ich bei einem Dreier mitmache.«

»Ich ... ähm ...«, stotterte der Werwolf perplex.

»Ich möchte keine Dauerfreundschaft mit meiner Hand schließen, wenn es sich vermeiden lässt und das tut es bisher gut«, gab Viktor vorwitzig zurück. Er spürte, wie sich in seinem Gesprächspartner Schamgefühl entwickelte. Ihm kam der Gedanke, ob er vielleicht das Thema wechseln sollte, doch er beschloss, falls es Lew zu unangenehm werden würde, könne dieser es ebenso tun.

»Ich ... weder Alexander noch Valja hatten vorher etwas mit ... etwas mit Männern. Wird man umgepolt, wenn dieser Bund entsteht, von dem du vorhin gesprochen hast?«

»Willst du eine philosophische Antwort, oder eine ehrliche?«

»Die ehrliche Antwort.«

»Ich habe keine Ahnung. Meine philosophische Erklärung gefällt mir dagegen besser. Seelen wurden einst aneinander geschmiedet und finden sich nun wieder, da ist es ihnen egal in welcher Hülle. Es gibt vereinzelt schon andere, gleichgeschlechtliche Bindungen, die sich unter Frauen gefunden haben, ebenso Heterokombinationen.«

Lew lachte leise. »Das klingt eindeutig wesentlich ... romantischer, als die Aussage, dass du keine Ahnung hast.«

»Es hat in den ganzen Jahren, die ich existiere, viele Dinge gegeben, die niemand erklären konnte und es bis heute noch nicht kann. Interpretationen dieser Art helfen einem besser, sich mit den Fakten zurechtzufinden. Finde ich zumindest. Es mag romantisch klingen, aber wer will alles nüchtern betrachten?«

»Hast du ...«, Lew stockte und Viktor spürte die Befangenheit des anderen.

»... schon immer etwas mit Männern gehabt?«

»Ähm ... nein, doch, auch, aber eigentlich ... hast du auch so einen Bund?«

Er schüttelte den Kopf, woraufhin sich eine der, durch den Schlaf gelockerten, Haarsträhnen aus dem Zopf löste. Er steckte sie routiniert hinter das Ohr. »Nein, habe ich nicht und was Männer betrifft ... ich mag sowohl Frauen wie auch das gleiche Geschlecht, wobei ich in den letzten ... ich glaube zwei- oder dreihundert Jahren nur noch etwas mit Männern hatte. Es bereitet mir einfach mehr Vergnügen. Hast du dich nie gefragt, wie es wäre?«

Nun war es an Lew den Kopf zu schütteln und er tat es mit einer Vehemenz, die Viktor zum Schmunzeln verleitete. Er war sich nicht sicher, ob es eine ganz ehrliche Reaktion war, aber er wollte auch nicht weiter nachhaken, um das gerade entspannt scheinende Verhältnis in Gefahr zu bringen.

»Vadim war vorhin unten, nachdem die Tür hinter dir ins Schloss gefallen ist«, wechselte er das Thema.

»Hat er uns zugehört?«

»Nein, ich denke nicht. Er war sehr verschlafen und hat keine großen Fragen gestellt. Er will nicht weg von dir, Lew. Du bist nun wohl sein einziger Halt geworden. Ich habe ihm zwar gesagt, dass Sibirien nicht der passende Ort für Kinder ist, aber es macht den Eindruck, als wenn ihm das recht egal ist.«

»Ich kann doch aber keinen kleinen Vampir großziehen. Er wird nur innerlich altern, oder?«

»Ja, mit der Wandlung bleibt die Zeit für den Körper stehen. Eventuell wäre es ja eine Option, nach Wolgograd zu kommen und etwas am Stadtrand zu beziehen. Dann kannst du noch immer für dich sein, aber für Vadim gäbe es mehr Möglichkeiten? Und wer weiß, vielleicht findet er ja dort auch noch Vertrauen zu anderen, sodass er sich nicht nur auf dich fixiert.«

»Er ist ein Vampir, wieso sollte ich umziehen, wenn er letztendlich dorthin springen kann, wohin er möchte?«

Viktor hörte diesen Satz zwar nicht gern, aber er musste Lew Recht geben, dennoch gab er zu bedenken: »Andere Kinder lernt man nicht kennen, indem man durch die Gegend springt. Ein belebteres Umfeld wäre nicht verkehrt, Lew. Das ist zumindest meine Meinung.«

Sein Gegenüber brummte nur, statt weitere Worte über das Thema zu verlieren. Viktor stellte seine geleerte Tasse auf den Tisch. »Wie spät ist es eigentlich?«

»Gleich halb sechs«, erwiderte Lew nach einem Blick auf seine Armbanduhr. »Möchtest du noch einen?«

»Gern und danach werde ich mich mal in Luft auflösen. Ich habe heute um acht den...