Bildersturm

Bildersturm

von: Ulrike Mirjam Wilhelm

hockebooks, 2015

ISBN: 9783957510716 , 234 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: DRM

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Preis: 6,99 EUR

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Bildersturm


 

1. Teil


1


Etwas lag in der Luft. Der feierliche Anlass, ein hanseatisches Ereignis – die Spannung im großen Saal der Hamburger Kunsthochschule war fast zu greifen. Vielleicht, sollte Max später denken, war es eine Vorahnung gewesen. Die elektrisierte Atmosphäre, bevor sich das Gewitter entlädt.

Die gespannte Atmosphäre in der dichtbesetzten Aula rührte nicht allein daher, dass die in Reihen aufgestellten Klappstühle für die Gäste nicht ausreichten und viele der Honoratioren entlang der Wände stehen mussten. Es lag auch nicht an den unbarmherzigen Scheinwerfern, die das Podium in gleißendes Licht tauchten.

Die Energie im Raum schien konzentriert auf eine zierliche Frau, die sich jetzt von ihrem Platz erhob. Mit kurzen, energischen Schritten ging sie an Fernsehkameras, Pressefotografen und Tonleuten vorbei zum Rednerpult.

Sie zog das Mikrofon zu sich heran, hielt jedoch den Kopf einen Moment gesenkt, als höre sie in sich hinein. Sie schien zu warten, bis Stimmengewirr und Stühlerücken verklangen, bis Professoren und Studenten, Politiker und Medienleute ihre Aufmerksamkeit völlig auf sie konzentrieren würden, auf Katharina Diehl, die nach langen Monaten der Grabenkämpfe und Intrigen in diesen Minuten endlich offiziell ihr Amt als Präsidentin der Hochschule für bildende Künste antreten würde.

»Liebe Frauen, meine Herren!«

Mit kalkulierter Langsamkeit hob sie den Kopf mit den schwarzen, wie gelackt glänzenden Locken. Die Art, wie sie in das grelle Licht starrte, wirkte auf Max selbstbewusst, fast aggressiv.

»Ich bin keine Künstlerin und habe nicht Kunstgeschichte studiert. Trotzdem sind Sie bereit, mir zuzuhören. Denn ich soll nun das verwalten, was die Gesellschaft Kunst nennt.«

Max blickte zu Ava, die aufrecht im Stuhl saß und mit beiden Händen die Armlehnen umklammerte. Für einen Moment überließ er sich dem Duft ungewisser Versprechungen, den ihre Haut verströmte. Als sie seinen Blick bemerkte, konnte er ihre Missbilligung fast körperlich spüren. Er räusperte sich entschuldigend und versuchte, sich wieder auf die Rednerin zu konzentrieren.

Max wusste nicht viel mehr über Katharina Diehl, als dass ihr Name durchs Nachrichtenloch der vergangenen Sommermonate gegeistert war: Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik sollte eine Frau zur Präsidentin einer Hochschule ernannt werden. Doch sowohl Professoren als auch Kunstkenner bezweifelten, dass die Karrierepolitikerin und studierte Psychologin den Anforderungen genügen konnte. Auch für Max war nicht ganz klar, warum sie das hohe Amt erhalten hatte.

Zerstreut wischte er einen Fussel von seinem Jackett, als die Rednerin etwas theatralisch ihre Stimme hob. Er fühlte sich ertappt und schaute hoch.

»Seit Heinrich Heine dürfte bekannt sein, was für ein Verhältnis Hamburg zur Kunst hat. Die Pfeffersäcke haben sich doch noch nie für die Kunst interessiert –«, sie genoss sichtlich das leise Raunen der Empörung im Saal, »höchstens als Kapitalanlage!«

Noch bevor die Honoratioren auf die provozierenden Worte mit einem Murren reagieren konnten, öffnete sich die Flügeltür zum Foyer. Ein kleiner, grauhaariger Mann trat ein und steuerte auf einen Platz in der ersten Reihe zu. Das musste Professor Dr. Kahnweiler sein, der ehemalige Präsident, schloss Max aus der Tatsache, dass im überfüllten Auditorium ein so prominenter Platz für ihn freigehalten worden war. Katharina Diehl ließ sich jedoch nicht irritieren.

»Hamburg muss begreifen, dass die Kunsthochschule ein Ort der Innovationen ist, eine Spielwiese der Kreativen.«

Leichter Applaus. Max bemerkte, dass Ava als Einzige in den ersten Reihen, die für die Lehrkräfte reserviert waren, applaudierte. Ein Mann mit Hornbrille und Trenchcoat wandte ihr den Kopf zu, ein eiskalter Blick. Max wurde es unbehaglich zumute, er schaute nach oben und betrachtete die Malereien an der Decke.

»Auch nicht neu!«, rief ein älterer Mann mit Häkelmützchen und Flickenpullover, der auf Max wie das Klischeebild eines Künstlers wirkte. Ein Junge mit buntgefärbten Haaren nutzte die Gelegenheit, um ein Transparent aufzurollen:

»Mrs. President, go home.«

Max, gelangweilt von den plump anarchischen Störversuchen, riskierte einen Seitenblick zu Ava hinüber. Ihr war an zusehen, dass sie sich Sorgen machte: Würde der Vortrag im Tumult untergehen? Aber die neue Präsidentin tat ihren Kritikern nicht den Gefallen, sich provozieren zu lassen. Im Gegenteil. Mit noch leiserer Stimme fuhr sie fort.

»Der Senat hat kein Geld. Drastische Sparmaßnahmen werden auch dieses Haus nicht verschonen. Um sich dagegen zur Wehr zu setzen, muss man in der Stadt über die Schule reden!«

Ava lehnte sich vor, um zu klatschen. Zunächst hatte es den Anschein, als würde sie allein damit bleiben, dann fielen, erst zögernd, und schließlich immer lauter, auch andere ein. Ihr kleiner Erfolg, sie wandte sich zu Max und lächelte. Ein schwacher Glanz, jedoch genug, um ihn zu versöhnen: Ava war der Grund, warum er hier saß. Und sich den ersten freien Abend seit Wochen mit einer Rede verdarb. Dabei hatte er sich noch gestern Abend geschworen, nicht mitzukommen. All der Small-Talk, die feinsinnigen Lügen und Intrigengespinste waren ihm ein Gräuel. Aber dann hatte Ava diesen verzweifelt-schmollenden Blick aufgesetzt:

»Bitte, Max. Tu mir den Gefallen. Ich brauche deine Unterstützung. Du hast keine Vorstellung, wie gemein die Leute an unserer Hochschule sind.«

Jetzt begann Max zu ahnen, was sie damit gemeint hatte.

Er gähnte. Und streckte die Beine aus. Zwei Wochen Urlaub lagen vor ihm wie ein fremder Kontinent, den es zu erobern galt. In den letzten Wochen und Monaten war kaum einmal Zeit zum Luftholen gewesen. Ein langer, verregneter Sommer, der manche Menschen trübsinnig, andere gereizt und gefährlich machte. Ein arbeitsreicher Sommer für Polizeibeamte, besonders bei der Mordkommission.

Vorn am Pult hob Katharina Diehl energisch die Stimme. »Ich hoffe auf eine Hochschule, die Widersprüche fruchtbar hält. Ich hoffe darauf, dass wir den Geist der Revolte wiederbeleben. Und so einen Ort der Aufmerksamkeit schaffen. Ich hoffe …«

Sie verstummte und blickte zur Tür, die aufflog und gegen die Wand schlug. Ein weißhaariger Mann im Drillichanzug war eingetreten. Er starrte die Präsidentin an, sie hielt dem Blick stand. Ein Duell, bei dem es keinen Sieger gab. Steif setzte sich der alte Mann in Bewegung. Erst kurz vor dem Rednerpult blieb er stehen:

»Mantala, meine Süße,
wärst du ein Junge, ich hätte dich zu meiner Frau gemacht.
Aber dich zu fragen,
ist gleich lieb wie quälend und süß,
wie Mantala, was heißt Mantala?«

Max beobachtete fasziniert das Gesicht der Präsidentin.

Eine tödliche Blässe breitete sich langsam über ihr Gesicht, in dem die dunklen Augen standen wie zwei kaltglänzende Jettperlen. Der alte Mann breitete seine Arme aus und rief noch einmal mit donnernder Stimme:

»Mantala, oh Mantala!«

Ein Hauch Parfüm, Max konnte Ava dicht an seinem Ohr spüren:

»Weber, unser Hausmeister. Er trinkt.«

Der Mann mit dem Trenchcoat stand auf; Präsident a. D. Kahnweiler tat es ihm gleich. Wie auf ein geheim verabredetes Zeichen traten sie beide nach vorn. Die Männer fassten den alten Mann unter und führten ihn hinaus.

Als die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel, war es in der Aula totenstill. Ein kurzer Moment der Unschlüssigkeit, dann zog Katharina Diehl das Mikrofon wieder zu sich heran. Ihr Lächeln ließ kleine Zähne aufblitzen.

»Da sehen Sie mal live, was kreatives Chaos bedeuten kann.«

Leises Gelächter, leiser Applaus. Aber Max lachte und klatschte nicht. Er glaubte, einen kalten Luftzug am Arm gespürt zu haben.

2


Eine halbe Stunde später schlenderten Max und Ava am Alsterufer entlang. Ein Mann joggte in der Dämmerung vorbei, blieb stehen und pfiff nach seinem Hund. Avas Gesicht wirkte im Gegenlicht kantig, fast scharf. Max vermutete, dass sie über die Schule nachdachte. Sie hatte ein Talent zum Grübeln.

Er legte den Kopf in den Nacken, um in den Abendhimmel zu blicken: ganz hoch, ganz hell, fast gläsern. Ein nördlicher Himmel.

»Hamburg.« Ava klang melancholisch. »Vermutlich komme ich nie von hier los.«

Jenseits der Alster illuminierten Strahler das »Atlantic«; die letzten Jollen steuerten mit schlaffen Segeln auf die Bootsverleihe zu. Max sagte nichts zu ihrer Bemerkung. Immer wieder war sie in den letzten Jahren zurückgekehrt, zurück nach Hamburg, aber auch zu ihm: nichts hatte sie durchgehalten. Nicht die anfangs so leidenschaftlichen Lieben im Süden; nicht die Begeisterung für die Stelle in einem Berliner Verlag; und nicht den Versuch, sich in Paris als Grafikerin niederzulassen. Wie lange würde sie es an der Kunsthochschule aushalten, mit ihrem Lehrauftrag?

Etwas verloren schaute sie jetzt übers Wasser. »Diese Szene, vorhin. Ich kann mir keinen Reim drauf machen. Warum hat der Hausmeister dieses seltsame Gedicht vorgetragen? Hast du das Gesicht der Präsidentin gesehen?« Sie drehte den Kopf zu ihm, blickte ihn aus geweiteten Pupillen an.

Wie bei einer Katze, dachte Max. »Vielleicht solltest du das alles nicht überbewerten«, erwiderte er beschwichtigend.

Als sie mit den Schultern zuckte, sah er auf ihrer Stirn eine Querfalte, die er nicht kannte. Dann hatten sie »Bollnows Bootssteg« erreicht. Vor dem Eingang trat er einen Schritt beiseite, damit sie vor ihm hergehen musste. Von...